Schlagwort-Archive: Fotografie

Progrey Filter-System: Von Filterhaltern und Adaptern.

Filter. Manche lieben sie, andere hassen sie. Beruflich gehöre ich in die zweite Kategorie, aber da ist ja noch mein Hobby »Landschaftsfotografie«. In einer kurzen Artikel-Reihe beschreibe ich meine Experimente mit dem Progrey Filter-System. Teil 2: Die Hardware.

Iburg, Wattwil. von Sascha Erni auf 500px.com

Verlaufsfilter hatten ihre große Zeit in der vordigitalen Ära: Was heutige Kameras mit Mehrfachbelichtungen, Motivprogrammen und gesteigerter Dynamik zu erledigen versuchen ging damals nur mit dem Einsatz von Filtern vorm Objektiv. Denn auch wenn das beste Filmmaterial auf rund 10 Blenden Dynamikumfang kam, beim Ausbelichten aufs Fotopapier musste man sich auf fünf bis sieben beschränken. Heutige Präsentationsformen wie LED-Bildschirme oder Spezialdruck z.B. auf hintergrundbeleuchtetes Plexiglas sind da etwas großzügiger, aber auch digital gibt es gute Gründe, bereits bei der Belichtung den Dynamikumfang zu bändigen. Hier kommen Verlaufsfilter zum Zuge.

Reinschieben, nicht reinschrauben.

Jeder kennt Filter, die man sich vors Objektiv schraubt. Polfilter sind auch bei Digifotografen beliebt, noch mehr Leute verwenden oft unnötigerweise UV-Schutzfilter als, nun ja, Objektivschutz gegen Staub und sabbernde Hundezungen. So oder so, die meisten werden Filter kennen, die man ins Filtergewinde seiner Objektive schraubt. Ein Filter-System jedoch funktioniert anders.

Progrey Filter-System Links ein üblicher Reindreh-Filter, rechts das Progrey-System.

Mal ganz ab vom »Look« – weshalb gehen Hersteller wie Progrey diesen Weg? Das hat zwei Gründe:

  1. Filter sollen leicht zu wechseln und exakt auszurichten sein.
  2. Keine Vignettierung!

Der erste Punkt ist klar – wenn man sich schon die Mühe macht, die Kamera auf einem Dreibein möglichst exakt auszurichten und dann x Stunden aufs richtige Licht zu warten, dann möchte man etwaige (Verlaufs-)Filter auch auf den Millimeter genau einstellen können. Das geht mit Filterhalter, Wasserwaage und großen Glasscheiben einfacher als mit einem fummligen Reinschraub-Ding, das gerade mal so groß ist wie das Frontelement des verwendeten Objektivs. Andere Filterstärken durchprobieren, ohne die Kamera zu bewegen? Kein Problem – Filterglas rausziehen, neuen Filter reinschieben, fertig.

Der zweite Punkt erscheint mir aber fast wichtiger. Reinschraubfilter, ob mit oder ohne Step-up-Ring, sorgen fast immer für einen Randabfall. Diese »Vignettierung« wird oft als Stil- und Kompositionselement geschätzt, sollte aber für beste Qualität nicht dem Zufall überlassen sondern gezielt eingesetzt werden. Je größer der Filter vor dem Objektiv, desto geringer die Gefahr eines unerwünschten Randabfalls.

Der Filterhalter.

Lynn stellte mir den G-85X Filterhalter zur Verfügung. Die »85« sagt eigentlich schon, was Sache ist: Die dazu passenden Filterplatten sind 85mm breit, also fast doppelt so groß wie die Öffnungen meiner bevorzugten Objektive. Vignettierung ausgeschlossen! Wer es noch größer mag, Progrey bietet Halter (und Filter) bis 150mm an. Das reicht dann auch für Fachformat-Objektive oder extreme Weitwinkel an Kleinbild. Um den Halter an die Kamera zu bekommen, verwendet man einen Adapter passend zum Filtergewinde der verwendeten Objektive – in meinem Fall einen 46mm-Adapter.

Progrey G-85X

Filterhalter und Adapter sind aus Metall gefräst und extrem gut verarbeitet. Hier wackelt nichts, kein Spiel, aber auch keine Grate oder scharfen Kanten. Geliefert werden die Halter mit einer wattierten Tasche, die auch Platz für Filter und Zubehör bieten.

Der Filterhalter bietet gummierten, nun ja, Halt für eine bis drei eingesetzte Filter. Man kann also bei Bedarf auch einen ND- mit einem Verlaufsfilter kombinieren, oder noch zusätzlich einen Farbkorrekturfilter reinschieben. Ich benötige nur Verlaufsfilter, also montierte ich die Halterung für einen einzelnen Filter. Verschiedene Halterungen und ein Imbusschlüssel waren netterweise beigepackt.

Die Montage ist denkbar einfach gelöst: Man wählt die passende Haltergröße, dann setzt man den Adapter ein und schraubt das Ungetüm ins Filtergewinde des gewünschten Objektivs. Mit einer Stellschraube lässt sich die Ausrichtung des Halters arretieren. Dann setzt man die gewünschten Filter ein.

Die Filter.

Ich griff für meine Tests vorwiegend zu den Verlaufsfiltern; besonders angetan hatte es mir der 1.2er. Progrey unterscheidet zwischen »Soft« und »Hard« und beschreibt damit die Kante zwischen »abgedunkelt« und »klar«. Die Zahlen an den Filtern geben die Blendenwerte der Abdunklung an; in diesem Fall kann ich also Vorder- und Hintergrund um 1.2 Blenden »komprimieren«. Das reicht aus, um die Anzahl Tonwerte im Mittenbereich faktisch zu verdoppeln, was insbesondere bei der Schwarzweißarbeit nützlich ist. RAW-Konverter mögen mit jeder Version besser interpolieren können, aber besonders im großformatigen Druck gilt: je weniger interpoliert werden muss, desto besser das Ergebnis.

Die Filter sind extrem hochwertig und kein Vergleich zu den Dingern, die man bei Media Markt und Konsorten im Regal rumliegen sieht. Progrey verwendet Kunststoffe, mit denen auch Brillengläser hergestellt werden, und selektiert rabiat nach Gleichförmigkeit. Wenn auf einem Filter 1.2 steht, dann dunkelt der am Maximalpunkt auch genau 1.2 Blenden ab, und nicht eine Blende oder eineinhalb oder 1.1. Luft- und Staubeinschlüsse sind ausgeschlossen, Schärfeverluste ebenso.

100 Prozent Ansicht Ein 100%-Ausschnitt aus dem Bild oben, nicht nachgeschärft.

Fazit.

Verarbeitung, Handhabung und Qualität des Progrey Filter-Systems lassen nichts zu wünschen übrig. Die Einzelteile sind robust und äußerst exakt auf einander abgestimmt. Das heißt auch, dass nichts wackelt oder Spiel hat, selbst die eingeschobenen Filter halten bombenfest. Auf meinen Wanderungen ließ ich die Filter meistens im Halter, die Kamera über die Schulter gehängt – nichts löste sich, kein Filter rutschte aus der Gummi-Nut, sie verschoben sich nicht einen Millimeter. Trotzdem ließen sich die Filter auch mit Handschuhen schnell und einfach wechseln. Die mitgelieferte Transporthülle erwies sich als äußerst nützlich, schützte die Filter und sorgte für Ordnung in der vollgepackten Fototasche.

Wie genau sich das Progrey-System in meiner Foto-Praxis schlägt, das erzähle ich in einem nächsten Artikel.

Lynn Radeka von Progrey USA wollte wissen, ob ich deren Filter-System supi oder doof finde. Also schickte er mir ein großes Paket mit Filtern und Haltern in die Schweiz. Dieser Artikel ist der zweite einer kurzen Reihe von Texten darüber, weshalb ich als beruflicher Nicht-Filter-Nutzer dennoch daran interessiert war, wie ich mit dem System umgehe – und für wen sich das Filter-System lohnt, weniger lohnt, oder gar ein absolutes MUSS darstellen könnte. Teil 1 findet sich hier.

Praxis Capture One Pro: FAQ und Korrekturen

Seit August 2015 ist mein Sachbuch zu Capture One Pro draußen. In diesem Blog-Beitrag sammle ich Korrekturanmerkungen und Fragen / Antworten von Leserinnen und Lesern.

praxisc1Ein Sachbuch mit über 400 Seiten schreibt sich nicht über Nacht. Im Falle von Praxis Capture One Pro begann ich im Frühjahr 2014 mit der Arbeit; erschienen ist das Buch im August 2015. Was geschah in der Zwischenzeit? Neben dem allgemein bekannten Vorfall, dass aus Capture One 7 Capture One 8 wurde und die Version 9 bereits am Horizont zu erahnen war, wechselte Phase One zu einem Rolling-Release-Modell. Das heißt, dass während der Lebenszeit einer Version neben Fehlerkorrekturen auch neue oder überarbeitete Funktionen ihren Weg in die Software finden können. So geschehen zum Beispiel mit dem neuen Farbbalance-Werkzeug in Version 8.2 oder der überarbeiteten Bedienung fürs verkabelte Fotografieren mit Version 8.3.

Nun kombiniere man »Rolling Release« mit »Vorlauf für eine Buchveröffentlichung«, und das Problem wird klar: Das Buch wird einige Punkte aufführen, die heute oder in ein paar Monaten nicht mehr gelten oder nicht mehr genau so wie beschrieben funktionieren. Und das mal ganz ab von ganz hundskommunen Fehlern, die sich bei solchen umfangreichen Projekten immer einschleichen.

Diese Situation war mir während des Entwurfs bewusst, entsprechend ist das Buch auch nicht als reine Tutorial-Sammlung aufgebaut. Wie exakt Sie mit einem Einzelwerkzeug umgehen müssen oder welche Optionen genau sich hinter Einstellungs- und Werkzeugdialogen verstecken ist nicht so wichtig.

Damit Sie sich als lesender Fotografenmensch nicht zu sehr über Fehler ärgern, sammle ich in diesem Artikel kontinuierlich Korrekturen und Anmerkungen. Errata, könnte man es schöngeistigerweise nennen. Außerdem beantworte ich hier die meist-gestellten Fragen, die mir per Mail, Kommentar oder Brieftaube zugetragen wurden und noch werden.

Dieser Artikel wird laufend aktualisiert. Falls Ihnen missverständliche Stellen oder gar Fehler (!!!!) auffallen sollten, schreiben Sie mich bitte auf rb@nggalai.com an. Ich werde sowohl FAQ als auch die Errata entsprechend ergänzen.

FAQ

Mein Buch fällt auseinander. Und jetzt?
Einige Leser haben sich gewundert, dass ihr Exemplar von »Praxis Capture One Pro« vergleichsweise schnell zerfleddert ist. Es handelt sich dabei nicht um einen Fehler, der die gesamte Auflage betrifft, aber trotzdem: unschön. Mein Verlag hat eine Mailadresse für Verarbeitungs-Reklamationen und Rückfragen eingerichtet: Sollte Ihr Exemplar sich als unerwartet fragil erweisen, wenden Sie sich bitte per Mail an c1@dpunkt.de. Der Verlag wird sich um eine Lösung kümmern.

Hey, Capture One Version 9 ist draußen! Wann kommt das Update für Dein Buch?
Als Betatester wurde ich von Phase One frühzeitig vorgewarnt, dass es nicht ewigs lange bei der Version 8 bleiben würde – mit ein Grund, dass ich das Buch eher »allgemein« gehalten habe. Kurz gesagt ist »Praxis Capture One Pro« auch als Arbeitsbuch zur Version 9 geeignet. Die wenigen Sachen, die sich grundlegend geändert haben, bespreche ich in einer (kostenlosen) Artikelreihe auf Fotoespresso, dem Foto-Magazin meines Verlags.

Wie funktioniert das mit den eBook-Versionen?
Das Buch gibt’s neben der Totholzvariante auch in verschiedenen eBook-Formaten wie z.B. für Amazons Kindle, als ePub oder PDF. Daneben bietet mein Verlag auch das so genannte dpunkt.plus+-System an: Für rund 10 Euro im Jahr (aktuell: 5 Euro als Promo) können Sie bis zu 10 PDF-Versionen von Büchern runterladen, die Sie bereits in der Papierversion besitzen. So zu sagen als digitale Ergänzung zum toten Baum.

Kurz: Wenn Sie öfters Bücher aus dem dpunkt.verlag lesen, wäre dpunkt.plus+ eine Überlegung wert. Wenn Sie aber genau nur mein Buch als eBook möchten? Dann können Sie »Praxis Capture One Pro« auch einfach einzeln im (Online-)Buchhandel oder direkt beim Verlag erwerben.

Dude! Where’s the English version? Why is it taking so long?
Earlier in 2015, US publisher Rocky Nook bought the rights for an English version of Praxis Capture One Pro, tentatively called »Capture One Pro 9: Mastering Raw Development, Image Processing, and Asset Management«. Translating 400 odd pages takes a crapload of time, especially with all those weirdo German inside jokes I used all over the place. I don’t envy the translators. Sorry, guys. Be it as it may, I’ll be given the opportunity for a final once-over when they are done with the English version to make sure all those mistakes listed above aren’t in it anymore, and that the book is as up-to-date as possible for a printed product about software to be. So, sorry for the delay. The book is scheduled to be out Q4 2015 / Q1 2016.

Korrekturverzeichnis

Kapitel 1.2.2, Seite 10: »Sämtliche früheren Versionen inklusive der abgespeckten Express-Version lassen sich zum selben Preis auf Capture One Pro 8 aktualisieren.«

Dieser Satz ist missverständlich bzw. ich frage mich gerade, wie übermüdet ich war, um das SO zu formulieren. Meine Güte, Erni.

Richtig ist: Ein Upgrade kostet seit Version 8 immer gleich viel, unabhängig von der Versionsummer der Ursprungsversion, aber nicht unabhängig vom damaligen Funktionsumfang. Capture One Pro 3-7 auf Pro 8 kostet immer gleich viel, egal, ob Sie von Version 3 oder Version 7 aktualisieren möchten. Ebenso kosten die Upgrades von den früheren Express-Versionen auf die Pro 8 immer gleich viel, unabhängig von der Versionsnummer – aber mehr, als ein Pro-auf-Pro-Upgrade oder ein Crossgrade von einer Sony-Spezialversion auf die »volle« Pro 8.

Kapitel 1.8.2, Seite 45ff: »Stapelverarbeitung mit Master-Bild? So geht’s.«

Nein, so »geht es« mit der aktuellen Version (8.3.3) von Capture One Pro nicht. Da ist mir während des Schreibens eine der vielen Beta-Versionen dazwischengekommen, die tatsächlich so wie beschrieben funktionierte: jede Regler-Bewegung wurde gleichzeitig auf alle ausgewählten Bilder angewandt. Das war super-langsam, besonders bei komplexeren Funktionen wie z.B. der Korn-Simulation.

Richtig ist: Das beschriebene Vorgehen gilt z.Z. nur für wenige Werkzeuge wie z.B. den automatischen Weißabgleich (aber nicht dem manuellen) oder das Erstellen von LCC-Profilen. Sie können so auch Stile oder Vorlagen auf einen Rutsch mehreren Bildern zuordnen. Aber das wäre es dann auch schon fast. In den meisten Fällen müssen Sie wie ganz unten auf Seite 46 und in Kapitel 12 beschrieben vorgehen, um Einstellungen auf mehrere Bilder anzuwenden: Mit »Anpassungen kopieren« gefolgt von »Anpassungen anwenden«, entweder alles auf einen Rutsch, oder nur für die gewünschten Werkzeugeinstellungen.

Kapitel 5.4, Seite 156: »In analogen Zeiten ließen Fotografen Filme gerne auch mal in Emulsionen entwickeln, die eigentlich nicht für das Filmmaterial gedacht waren. C41-Farbnegativfilm wurde in E6-Diafilm-Emulsion entwickelt, Diafilm in Schwarzweiß-Chemikalien und so weiter.«

Das ist natürlich falsch – als Emulsion oder »Fotoemulsion« bezeichnet man die lichtempfindliche Schicht auf dem Trägermaterial (z.B. Rollfilm), nicht die Flüssigkeit, in der man das belichtete Material entwickelt.

Richtig ist: Überall statt »Emulsion« »Entwickler« oder »Entwicklerflüssigkeit«.

Progrey Filter-System: Gradient-Filter, der Aufhell-Blitz der Landschaftsfotografie.

Filter. Manche lieben sie, andere hassen sie. Beruflich gehöre ich in die zweite Kategorie, aber da ist ja noch mein Hobby »Landschaftsfotografie«. In einer kurzen Artikel-Reihe beschreibe ich meine Experimente mit dem Progrey Filter-System. Teil 1: Ein bisserl Theorie, so zur Einführung.

Ich höre oft: Wozu braucht man heute noch Filter vorm Objektiv? Man fotografiert eh in einem RAW-Format und kann dann im Anschluss in Capture One oder Lightroom Lichter retten, Schatten hochziehen, die komplette Gradation nach dem eigenen Geschmack anpassen etc. p.p.. Filter sind ein Relikt aus der Analogzeit! Noch dazu stört jedes bisserl Zusatz-Glas vor dem Objektiv; Filter kosten Schärfe und verfärben das Bild!

Darauf antworte ich meistens: ja, aber. Denn inbesondere bei Verlaufsfiltern (»Gradient-Filter«) ist die Sache genau wegen der Digitalfotografiererei nicht ganz so eindeutig.

Vom Dynamikumfang und der Linearität von Sensoren.

Sensoren haben zwei für Fotograf_innen mehr oder weniger unangenehme Eigenschaften: Erstens haben sie einen fixen Dynamikumfang. Ein digitaler Sensor reagiert nicht so gutmütig auf Überbelichtung wie ein Negativstreifen, und Landschaftsaufnahmen, besonders im eher alpinen Umfeld, können den Dynamikumfang schnell sprengen. Aber selbst wenn alle Helligkeitswerte von Schatten bis Spitzlichtern in eine Belichtung passen, kommt die zweite ärgerliche Eigenschaft zum Zuge: Sensoren arbeiten linear.

Vereinfacht gesagt hat der Sensor eine fixe Anzahl Bits für eine Belichtung griffbereit, diese Zahl definiert den Dynamikumfang des Sensors. Nahe an der maximalen Auslastung des Sensor-Pixels steht die volle Bit-Bandbreite zur Verfügung, für die Schatten gibt’s nur wenige Bits. Dazwischen geht es linear hoch bzw. runter.

Wenn ein theoretischer Sensor mit 12 Bit arbeitet, also 4096 unterschiedliche Helligkeitswerte erkennen könnte, stehen für einen Bildbereich mit einer Luminanz von so um die 50 % nur noch 2048 Werte zur Verfügung. Bei 25 % sind es noch 1024. Kurz gesagt – für die hellsten Bereiche hat der Sensor Hubraum satt, aber in den Schatten sieht’s im wahrsten Sinne des Wortes duster aus. Will man jetzt bei einer Szene mit hohem Dynamikumfang sowohl Lichter als auch Schatten wiedergeben, kann es eng werden:

Okay, der Himmel passt, nix ausgebrannt, aber jetzt darf man am Rechner die vergleichsweise wenigen Bit-Informationen in den dunkleren Bereichen »pushen«. Das führt auch mit den besten Algorithmen schnell zu Rauschen, Farbflecken und Streifenbildung in den Schatten und Mitteltönen. Denn anders als bei einer Audio-CD, die sich mit demselben Linearitäts-Problem herumschlägt, kann man nicht mit Noise-Shaping und Oversampling tricksen. Der Sensor hat seinen Dynamikumfang, die Kamera kann nicht wie im Studio von einem viel feineren Signal auf die 12 Bit unseres Beispielsensors runterrechnen. Die Aufnahme geschieht halt mit diesen 12 Bit, roh (engl. »raw«). Und RAW-Entwickler können nicht immer überzeugend Informationen dazurechnen, die im Original-»Signal« (also die Schattenbereiche des Roh-Bildes) gar nicht aufgenommen wurden.

Von Aufnahme- und Ausgabemedien.

Die Linearität ist in der Regel nicht weiters schlimm. Kaum ein Bildschirm könnte heute den vollständigen Dynamikumfang darstellen, der ein Sensor einfängt. Bei Ausbelichtungen und Drucken wird es noch deutlicher – schön, der Sensor kann 14 Blendenstufen aufnehmen, mit HDRi hast Du mit drei Bildern sogar 18 Blendenstufen abgedeckt! Super! Aber selbst bei teurem Fotopapier ist bereits bei rund 6-8 Blendenstufen Schluss. Wer mehr will, bewegt sich schnell in den so genannten »Fine Art«-Bereich und experimentiert mit verschiedenen Trägermedien und Tinten. Oder kramt den alten Diaprojektor samt Rollfilm-Mittelformatkamera aus dem Keller und schmeißt seine Digikamera auf den Müll.

Man muss also als Fotograf_in einerseits mit dem Dynamikumfang einer Szene klar kommen – wie belichten? was ist wichtig? was darf absaufen oder ausbrennen? –, andererseits muss man den Dynamikumfang der Szene auch irgendwie bändigen, damit das Ausgabemedium genau das zeigt, was man eigentlich zeigen wollte.

Besonders kritisch wird es bei der digitalen Schwarzweißfotografie: Was Ansel Adams und andere mit ihrem »Zonen-System« für Film und Papier andachten, stößt bei Sensoren aufs genannte Linearitäts-Problem. Okay, Lichter gerettet, aber die Schattenpartien bieten jetzt dem RAW-Entwickler nur noch vielleicht 4-8 Bit an Informationen. Groß abwedeln geht für Web-Bilder in Ordnung, aber sobald man dann doch bessere Qualität will, wird’s eng. Nur 16 Graustufen für die tiefsten Schatten? Für »Fine Art« zu grob.

Und was ist jetzt mit diesen Filtern?

Gute Filter können hier ungemein nützlich werden. Um bei dem ganzen Dynamikgeraffel zu bleiben – ein solcher Filter reduziert die Dynamik einer Szene, bevor das Licht auf den Sensor trifft, der dann mehr oder weniger gut mit über- oder unterbelichteten Stellen klar kommen soll. Filter komprimieren die Tonwerte, ähnlich, wie man einen Aufhell-Blitz bei Gegenlicht-Aufnahmen verwendet:

Himmel / Sonnenuntergang / Straßenlaterne ist sauhell, die Gesichter im Vergleich dunkel. Belichtet man auf den Himmel / Sonnenuntergang / Straßenlaterne, hat man schwarze Gestalten im Bild. Belichtet man auf die Gesichter, sind die zwar schön anzusehen (hoffentlich), aber dafür ist der Himmel / Sonnenuntergang / Straßenlaterne komplett ausgebrannt. Aufhell-Blitz an, Problem gelöst.

Dieselbe Aufgabe erfüllen Gradient-Filter in der Landschaftsfotografie: der Dynamikumfang der Szene wird fürs Aufnahmemedium nutzbar. Noch dazu kann man das digitale Linearitäts-Problem umschiffen: Dynamikumfang der Szene passt mit dem abgedunkelten Himmel locker »in« den Sensor? Gut, dann kann man auch so weit überbelichten, bis das Histogramm rechts anschlägt (»Expose to the right«). Womit dann für die dunkleren Töne statt den oben beispielhaft genannten 16 Abstufungen plötzlich 32, 64 oder 128 zur Verfügung stehen bzw. vom Sensor »gesehen« werden. Wieder: Man wird den Unterschied in den meisten Alltags-Fotografie-Situationen nicht wirklich erkennen. Aber insbesondere in der digitalen Schwarzweißfotografie? Oder gar Fine-Art? Nur immer her damit!

Lynn Radeka von Progrey USA wollte wissen, ob ich deren Filter-System supi oder doof finde. Also schickte er mir ein großes Paket mit Filtern und Haltern in die Schweiz. Dieser Artikel ist der erste einer kurzen Reihe von Texten darüber, weshalb ich als beruflicher Nicht-Filter-Nutzer dennoch daran interessiert war, wie ich mit dem System umgehe – und für wen sich das Filter-System lohnt, weniger lohnt, oder gar ein absolutes MUSS darstellen könnte.