Für Print sieht es nicht gut aus

Heute hat das WEMF die aktuellen Reichweiten verschiedener Schweizer Print-Produkte – Zeitungen und Magazine – publiziert. Selbst die meistgelesene Zeitung der Schweiz hat fast 20 % an Reichweite eingebüsst.

Neue Zürcher Zeitung? -14 %. Aargauer Zeitung? -13 %. 20 Minuten? -19 %. «Meine» Haupt-Zeitung, St. Galler Tagblatt incl. Regionalzeitungen, hat’s mit -2 % noch einigermassen glimpflich erwischt. Aber die aktuellen WEMF-Zahlen sind deutlich: Print, so, wie wir ihn seit ca. 1780 kennen, stirbt einen langsamen, langsamen Tod.

Keine Überraschung, aber weiterhin ein Problem

Gut, das kommt nicht wirklich überraschend. Und für viele Leserinnen und Leser dürfte sich die Frage stellen – jo, und nu? Die Zahlen in digitalen Formaten steigen, klar sinken im Gegenzug die Totholz-Anteile? Das mag so sein. Aber ignoriert die Art und Weise, wie viele Journalisten und Journalistinnen, Reporterinnen und Reporter arbeiten, mit der (mehr oder minder) klaren Arbeitsteilung, Vieraugen-Prinzip, Blattmacher*innen, Korrektorat und so weiter. Es wird interessant sein, zu sehen, wie 20 Minuten mit der neuen «social-first»-Strategie zurande kommen wird – immerhin entscheiden dann die Menschen am Social-Desk oder vielleicht gar die Berichtenden live vor Ort, wie Lead und Anriss des Beitrags aussehen sollen, und wann und wo er erscheint.

Problem (nicht nur) für freie Mitarbeitende

Kurz – für Redaktionen ist’s nicht einfach nur ein Medienwechsel. Es ist auch ein Wechsel im Workflow, in der Firmenkultur und führt gegebenenfalls zu einem veränderten Qualitätsanspruch. Schwierig kann das für freie Mitarbeitende werden, denn diese arbeiten in der Regel für verschiedene Redaktionen, die mehr oder weniger weit in diesem Medienwandel-Prozess fortgeschritten sind. Damit wird einerseits eine etwaige Zweitverwertung aufwendiger oder verunmöglicht. Andererseits verpassen sie als «Freie» interne Weiterbildungen oder informell an der Kaffeemaschine bestimmte Konventionen und Regeln.

Wandel kann man nicht aufhalten, höchstens ausbremsen. Persönlich begrüsse ich es, dass mein Altpapierstapel zunehmend an Umfang verliert. Moderne Displays sind für mich gut genug, um auch lange Beiträge zu lesen. Meinen Einstieg als Reporter hatte ich in reinen Online-Medien, als freier Mitarbeiter muss ich mich eh an zig verschiedene Vademeca und Vorgaben halten – die eine Publikation möchte nur Bilder im 16:9-Format, die andere mit runtergeschraubtem Kontrast für die Offset-Maschine. Die eine gendert mit Sternchen, bei der anderen streicht das Korrektorat alles Gegenderte raus, die dritte hat gar kein Korrektorat. Also business as usual für mich und meine freiberuflichen Kolleg*innen? Irgendwie schon. Aber wie gut Redaktionen als Gesamtes, mit ihren gewachsenen Strukturen, Aufgaben, Funktionen und Abläufen, damit klar kommen? Da wird es interessant bleiben. Und ich kann es verstehen, wenn es etwas länger dauert, bis sich das einigermassen eingependelt hat.

Ein bildzentrischer Jahresrückblick 2020

2020 war kein gutes Jahr für viele freiberufliche Reporter und Journalist:innen. Mein persönlicher Rückblick soll auch in dieser Hinsicht als Illustration herhalten.

Die folgenden Einträge sind bereits auf Facebook erschienen, so einen Monat pro Tag, aber ich dachte mir: Hey, ich könnte auch mal wieder etwas in mein Blog hängen. So gebündelt und so. Ergo:

Januar 2020

Im Januar war noch alles »normal«, könnte man sagen. Mehr noch, ich startete privat wie beruflich ausgezeichnet ins 2020. Alles deutete darauf hin, dass dieses Jahr noch erfolgreicher verlaufen würde als 2019, mein bestes (Arbeits-)Jahr seit den frühen 2000ern, und das, obwohl Januar in der Regel für mich ein eher »langsamer« Monat ist. Ob Porträts von und Interviews mit Fischhändlern und Lädeli-Besitzerinnen, Reportagen zu Bio-Rindfleisch, libanesische Erfinder im Toggenburg, das Neujahrskonzert der Musikgesellschaft Harmonie (Bild) oder Parteianlässe im Vorfeld der kommenden Wahlen – alles war möglich, alles war gefragt.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 239, viel für einen Erni-Januar

Februar 2020

Mitte Februar hörte ich das erste Mal abseits von Randnotizen von »Corona«, denn ich berichtete vom traditionellen Raiffeisen-Finanzapéro in Wattwil. Für den Referenten war klar, dass die Wahl zum US-Präsidenten das wichtigste Ereignis 2020 werden würde, aber er erwähnte auch »dieses Virus, das sich in China breit macht.« Mein Interesse geweckt las ich mich ins Thema Sars-Cov-2 ein. Mir wurde ein bisserl mulmig, aber als ich zwei Tage später Bruno Damann an der Hauptversammlung des Jägervereins Toggenburg in Lichtensteig traf (Bild), erwartete ich nicht, dass ich ihn im Verlaufe des Jahres in gleich so vielen Pressekonferenzen sehen werde. Noch nicht.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 92, normal für einen Februar

März 2020

Shutdown! Für den 16. März rief der Bundesrat die »außerordentliche Lage« aus, und es war eigentlich klar: Das Virus wird uns noch bis weit ins Jahr 2021 beschäftigen. Ich hoffte entsprechend, dass Bund und Kantone nicht den Fehler machen würden, die vorhersehbare Herbst-Welle zu unterschätzen und nach dem Shutdown die Sache schleifen zu lassen. Tjahaha, shame on me. Für mich zeichnete sich ab, dass der April beruflich nicht so der Bringer werden würde – eine »meiner« Zeitungen stellte in Aussicht, bis Ende Jahr auf die Dienste freier Mitarbeitenden zu verzichten. Aber es war nicht alles schlecht in der ersten Welle; mit Projekten wie Toggenburg hilft wollten uhuere viele Menschen ihren Mitmenschen, nun ja, helfen. Und ich arbeitete mich für die Lieblingsbücher-Serie von Thurgaukultur (siehe unten) in Videoschnitt und -Produktion ein. Weiterbildung so zu sagen.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 142, halb so viel wie normal

April 2020

Wie erwartet riss der April ein gehöriges Loch in mein Auftragsbuch – aufgrund der weggebrochenen Werbeeinnahmen schrumpften die Bundumfänge der Zeitungen und damit auch der Platz für Beiträge aus der Region. Einer der wenigen Artikel, die ich machen konnte, führte mich aber zu Nistkästen auf Hochhausdächern in Wattwil, das war toll (Bild). Aber an Event-Berichterstattung, mein eigentliches Hauptgeschäft, war nicht zu denken. Und zu allem Unglück stoppten die meisten meiner PR-Kunden etwaige Medienmeldungen. Oh, well. Ist halt Pandemie, ne? Aber einen Lichtblick gab’s trotzdem – im April begannen Frank Treichler und ich mit der Neuauflage meines Capture-One-Buchs. Gemeinsam haben wir das Dingens komplett umgebaut und für die Version 21 fit gemacht, so voll mit NDA unzo. Im Moment ist das Manuskript im Lektorat, ca. Februar 2021 wird’s erscheinen.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 37. Oops.

Mai 2020

Shutdown vorbei! Nun ja, nicht für alle – Veranstaltungen blieben weiterhin schwierig bis unmöglich. Und auch wenn die Geschäfte öffnen durften und sich bei vielen Toggenburgerinnen und Toggenburger wieder so etwas wie Normalität einstellte, galt das nicht für die Alters- und Pflegeheime, wie ich im Risi Wattwil hautnah miterleben durfte (Bild). Die waren – und sind es wieder – faktisch in einem harten Lockdown. Während spätestens seit Mai Politiker:innen und Lobbyisten wegen »viel zu strengen Maßnahmen« rummoserten, machten die Fachkräfte Pflege und Betreuung weiter ihren Job und versuchten, das Beste aus der Situation zu holen. Dass sie dafür auch heute noch höchstens ein bisserl Applaus bekommen, statt griffige Verbesserungen im Arbeitsalltag, macht mich immer noch wütend.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 40

Juni 2020

Während die einen Corona für beendet erklärten (lol), litt die Eventbranche weiter. Mit einem nationalen Aktionstag bzw. Nacht, der Night of Light, wollten von den Maßnahmen direkt betroffene Betriebe wie das Chössi-Theater (Bild), Künstler:innen, Techniker:innen, aber auch indirekt Betroffene wie Zulieferer und Freiberufler auf die schwierige Situation aufmerksam machen. Aber brachte wenig – Partei- und Politikmenschen schätzen wohl den Anteil am BIP und Jobmarkt der Event-Brache völlig falsch ein. Es gab im Juni ein wenig Hoffnung, dass es im Spätsommer wieder los gehen könnte. Auch in meiner Aargauer Band, LRRH, hielt sich der Optimismus, im August doch noch am Wettiger-Fäscht auftreten zu dürfen. Nun ja. Unsere Bandprobe im Juni sollte zur vorletzten in diesem Jahr werden.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 70

Juli 2020

Der Juli verlief wieder fast »normal«, zumindest beruflich. Ob Mini-Openair in Ebnat-Kappel, Fernwärme-Diskussion in Kirchberg (Bild) oder Vorbericht zur kommenden Wanderausstellung »Freie Republik Bad Hemberg« der Kunsthalle[n] Toggenburg für gleich zwei Publikationen – ein fast normaler Juli. Fast. Denn es zeichnete sich ab, dass die Jazztage im August nicht durchgeführt werden können. Ein weiterer Zeitungsverlag stellte vorsorglich die Zusammenarbeit mit Freiberuflern ein. Man musste immer und überall seine Kontaktdaten hinterlassen. Und privat waren wir bereits im fünften Monat dermaßen auf Massiv-Sozialkontakte-Reduktion, dass es zur Intervention unserer engsten Freunde kam. (Danke, übrigens.) Als dann auch noch Dreizehntel verstarb, nun ja. Bei allem Positiven, das der Juli brachte, schön war er nicht wirklich, und mir schwante Übles für Spätsommer und Herbst.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 189

August 2020

Der August war für mich vielleicht der einschneidendste Monat dieses Jahr. Mag komisch klingen, aber dass die Jazztage Lichtensteig ausgefallen sind, führte bei mir zu einem verschobenen Zeitgefühl. Wir leben erst seit 2015 hier im Städtli, aber ich habe unbewusst begonnen, mein erlebtes Jahr um die Jazztage rum zu strukturieren – fällt das weg, »passen« plötzlich gut fünf Monate nicht mehr in meinen Kopf. Die Wilden Weiber haben am Jazztage-Wochenende stattdessen die »Bunten Tische« veranstaltet (Bild), das hat ein wenig geholfen und verlief dank großer Disziplin aller Gäste und Beteiligten ohne, dass der Tag zum Superspreader-Event mutiert wäre. Aber … ein guter Monat wäre anders gewesen. Und ein Blick auf die Reproduktionszahlen ließ mich wundern, weshalb Bund und Kantone die Sache so locker zu nehmen schienen.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 161 – in einem normalen Jahr wären es über 800 gewesen

September 2020

Im September fielen die eh schon geringen Stützmittel des Kantons für indirekt von den Maßnahmen Betroffene weg. Ich war also angehalten, wieder möglichst alle Aufträge anzunehmen. Das fühlte sich eigenartig an. Einerseits hatte sich bereits im August abgezeichnet, dass es so ab ca. Ende Oktober, November nicht nur mit Fallzahlen, sondern auch auf den Intensivstationen in der Schweiz knallen würde. Aber es gab keine griffigen Einschränkungen, und eine gewisse Müdigkeit (bei den einen) bzw. Leckmichamarsch (bei den anderen) machte sich breit. Ich musste – und konnte, glücklicherweise – fast wie in einem üblichen Jahr arbeiten, vorwiegend im Kulturbereich: Offene Ateliers wie bei Artur Sousa in Lichtensteig (Bild), die Eröffnung der Galerie 1923 in Wattwil oder die Ausrufung der »Freien Republik« in Hemberg seien speziell hervorgehoben. Alles mit Distanz, Lüften, Mund/Nasen-Schutz und so weiter. Ein ungutes Gefühl blieb trotzdem. Denn die Zahlen waren eindeutig.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 189

Oktober 2020

Viele vorausschauende Veranstalter:innen sagten bereits im August und September Events für den Oktober ab, während sich wiederum viele Epidemiolog:innen und interessierte Dritte wunderten, weshalb der Bundesrat und die Kantone ned endlich handeln. Merci allen, die agierten statt reagierten. Denn bereits im August zeigten die Zahlen, dass ohne harte Maßnahmen die Fall- und Todeszahlen hochschnellen würden. Ganz zu schweigen vom Druck auf Pflegende und das Gesundheitswesen. Nun ja. Tja. Tempus fugit. Ich besuchte noch die Proben für den »Bettelmann« des Theatervereins Toggenburg (Bild). Um dann zwei Wochen später eine Reportage darüber zu schreiben, wie viel Aufwand die Absage einer solch großen Produktion verursacht. Spoiler: Sie sagten ab, bevor der Bundesrat reagierte, zeigten sich also weitsichtig. Der Aufwand war aber trotzdem, oder genau deshalb, immens.

Und dann schlich sich langsam der Winter in die Schweiz. Bund und Kantone entschieden sich, die Situation ganz genau zu beobachten.

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November 2020

Viele meiner Bekannten und Arbeitskolleg:innen erkrankten – die meisten zum Glück mit einem milden Verlauf, aber mindestens einer würde bis Dezember daran gestorben sein. Rolf, der Marathonläufer und mehrfache Teilnehmer des Frauenfelders, gab in seinem persönlichen Zieleinlauf alles und verstarb am 19. November noch vor besagtem Zeitungsbesitzer. Ohne Corona, aber mit den wegen Corona-Deppen nötigen Einschränkungen in Sachen »Trauerarbeit«. Danke, Deppen, Eure Ex-Wähler haben sich gemerkt, dass ihr was von »nur eine Grippe« und »wir müssen lockern!« faselten. Und immer noch faselt.

Item. Es zeichnete sich ab, dass die zweite Welle für Familien, Unternehmen und Selbständige im Kultur-, Veranstaltungs- und Gastrobereich härter ausfallen würde, als es die erste tat. Auch, weil ein großer Teil der vielgelobten Frühlings-Solidarität (vulgo Balkon-Klatschen) in der zweiten Welle wegfallen würde. Aber die Politik reagierte: Sie stritt sich über Kompetenzen – »Sache der Kantone« – und darüber, ob wir verlernt hätten, zu sterben, und stellte dann so für Januar, Februar 2021 (vielleicht) breitere Unterstützungsmaßnahmen in Aussicht. Passenderweise war einer der wenigen Aufträge, die ich noch sichern konnte, der Vortrag von Michel Meyer, Ex-Delegierter des IKRK (Bild). »Die menschliche Würde kommt jedem zu«, wie er dort sagte. Vielleicht sollten die von uns gewählten Politiker:innen auch mal zuhören.

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Dezember 2020

Eigentlich wollte ich schon anfangs Jahr eine zusätzliche Band in der Nähe suchen, um öfters live auftreten zu können. Aber yay, Corona. Dann ergab sich im Dezember per Zufall (und via Twitter) doch noch etwas Tolles – neben den beiden Jungbüsis Fauci und Ælfric, natürlich, aber nicht minder wichtig fürs Seelenheil: Ich spiele jetzt Bass bei Scream Therapy. Alles geili Sieche. Und ich freue mich darauf, 2021 (oder 22) mal endlich wieder live abzurocken. 🤘

Gesellschaftlich, politisch und beruflich jedoch war der Dezember eine Kurzfassung des gesamten Jahres 2020. Passenderweise arbeitete ich im Herbst/Winter an gleich drei Beiträgen zu psychiatrischen Themen, unter anderem zum Peers-Pilotprojekt im Tageszentrum Toggenburg des SGHV (Bild). Aber ja, Impf-Spinner und Seuchen-Fans, zahmer Mini-Shutdown, hunderte verschwundene britische Touristen, 80-100 Tote täglich … im Dezember 2020 war die Schweiz nicht das hellste Kerzchen am Corona-Christbaum.

Ich möchte meinen Jahresrückblick aber nicht mit Gefluche, sondern konstruktiv abschließen: Falls Ihr Hilfe braucht, hören Euch in der Schweiz telefonisch (u.a.) Pro Mente Sana unter 0848 800 858 und Die Dargebotene Hand via 143 zu. Beide bieten ebenfalls Beratung über E-Mail an, die 143 auch in einem Chat. Pro Mente Sana kann ich persönlich empfehlen, sie haben mir vor Jahren durch Krisen geholfen.

Godspeed you beautiful human beings. Take care. Be kind. Covid sucks.

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Jahrestotal: 1288

Jahresmittel 2017-19: 5498

… und dann hatte ich plötzlich wieder eine Olympus in der Hand

Vor einem Jahr wechselte ich für meine Reportage-Tätigkeit von Kleinbildsystemen zurück auf µ43. Über die nächsten Wochen möchte ich vom Umstieg berichten, die Vor- und Nachteile im Vergleich zu »Vollformat« diskutieren und auch das eine oder andere Bildli zeigen. Heute: Wetterfestigkeit.

Die Gründe für meinen Wechsel waren vielfältiger Natur, ganz zuoberst jedoch stand die Wetterfestigkeit: Ich mag vielleicht nicht in bzw. an der Nordsee Robben fotografieren oder im (verbleibenden) brasilianischen Tropenwald auf Wanzenjagd gehen, aber an Festivals fliegt Dir schon mal das eine oder andere Bier entgegen – oder es schifft, und Du musst trotzdem Bilder abliefern. Wenn Du einen Auftrag hast, kannst Du nicht sagen »och nö, das Wetter ist mir jetzt doch ein bisserl zu garstig« – Du musst arbeiten.

Schneeregen und Schlamm? Egal.
Schneeregen und Schlamm? Egal. (Dietfurt, 10. Februar 2019)

Entsprechend griff ich anfangs Juli 2018 zu einer Olympus E-M1 Mark II mit Batteriegriff und abgedichteten Objektiven. Vor kurzem hat eine OMD E-M1X (ja, das Ding) die Mark II als Hauptkamera abgelöst. Die Kamera ist noch besser abgedichtet und noch robuster. Man könnte wohl Nägel damit einschlagen oder unter einem Wasserfall campieren, so oder so jedoch etwaigen Schlamm (und Bier) einfach kurz unter der Dusche abwaschen. Und das ganze Geraffel passt locker in eine handliche Umhängetasche.

Eine Domke F-2 als Bereitschaftstasche: E-M1X, E-M1 Mark II mit Batteriegriff, 12-40mm/F2.8, 40-150mm/F2.8, 60mm/F2.8 Makro, 25mm/F1.2 und Kleinkram.
Eine Domke F-2 als Bereitschaftstasche: E-M1X, E-M1 Mark II mit Batteriegriff, 12-40mm/F2.8, 40-150mm/F2.8, 60mm/F2.8 Makro, 25mm/F1.2 und Kleinkram.

Wären meine Ansprüche an Wetterfestigkeit und Robustheit auch von einem Kleinbildsystem befriedigt worden? Natürlich. Bereits eine Nikon D850 ist ordentlich abgedichtet, die Profi-Gehäuse von Canon und Nikon sowieso. Aber dann geht das Geschleppe los, und ganz günstig sind die abgedichteten Objektive auch nicht – ein 70-200mm/F2.8 kostet mit fast 3000 Franken locker das Doppelte des äquivalenten (also für denselben Einsatzbereich gebauten, nicht rechnerisch gleichwertigen) Olympus-Objektivs, die Profi-Bodys ebenfalls fast das Doppelte einer E-M1X. Und eben – die Fototasche wird dann sehr schnell sehr groß und sehr schwer. Muss ich nicht haben.

»Aber Erni, Freistellung! Bokeh! Rauschverhalten!« Ja, ja. Darauf werde ich im nächsten Beitrag eingehen. Wobei, wenn ich so darüber nachdenke, da braucht’s wohl zwei Beiträge zu. Stay tuned.

Es freut mich, dass Ihr Euch über das »schöne Wetter« freut. Aber.

Wirklich, ich finde es super, wenn sich so viele Leute dermaßen über Sommer, Sonne, Badespaß und so weiter freuen. Ich gönn’ es Euch, wirklich. Wirklich. Und ich finde es auch nicht super, dass da gleich gewisse Parteiproponenten auf den gegenteiligen Zug aufspringen und Politik damit machen, nachdem sie noch vor kurzem was von »Wetter ist nicht Klima« faselten. Gegessen.

Aber mich macht die gegenwärtige Kombination aus Temperaturen und Taupunkt fertig. Ich bin damit nicht allein, die letzten Jahre starben jährlich über 800 Leute in der Schweiz extra, in den Hitzewellen, zusätzlich zum Jahresdurchschnitt. Ein etwaiger BIP-Ausfall lässt sich schwer beziffern, aber es ist auffällig, wie oft das Thema Hitze-im-Büro sowohl beim Bund als auch in der Wirtschaftspresse Thema ist. Und wie selten ich gegenwärtig Leute ans Telefon bekomme, weil ich noch ein Interview mit ihnen machen müsste.

Bei mir jedenfalls sinkt der IQ ab 25 Grad Celsius pro zusätzlichem Grad um gefühlt 20 Punkte. Aktuell dürfte ich noch so um die 40-70 rum liegen. Ist halt so. Als Freiberufler kann ich mich damit arrangieren, stehe um 4.30 Uhr auf und habe bis 11 Uhr das meiste erledigt. Ich kann mich darauf einstellen, für etwas gibt es ja »Sommerferien«, da läuft eh wenig. Sprichwörtliches Sommerloch in den Medien. Weil, ich bin damit nicht allein. Die abgelehnten und vergeigten Aufträge haben mich trotzdem im Juni rund einen Viertel Monatsauskommen gekostet. Auch das geschenkt, auch das ist in der Kalkulation. Ich kenn mich ja.

Aber … nicht im Juni. Nicht anfangs Juli, nicht, bevor die erste Sommerwoche überhaupt durch ist. Das jetzt ist in etwa das, was nicht nur ich über die letzten Jahrzehnte so für ca. Ende Juli, anfangs August eingeplant habe(n) (nochmals, Stichwort »Sommerferien«). Wir liegen momentan so auf Niveau Super-Hitzesommer 1983 und 2003, Tendenz WTF. Und die absoluten Hitzerekorde seit Messbeginn fallen ebenfalls. Ist für viele Leute gerade nicht sonderlich schön. Und falls es anhalten sollte, dann wird es nicht nur bei mir prekär mit dem Auskommen.

Kurz: Es gibt Leute hier, die nicht mit den Temperaturen klar kommen. Man plant und arrangiert sich, aber manche wie ich werden einfach gaga. Andere sterben unverhofft. Ich möchte wirklich niemandem den Sommer madig machen, aber: Normal ist das nicht. Also wundert Euch bitte nicht, wenn manche Leute auch nicht mehr normal funktionieren, nicht mehr normal funktionieren können. Lustige Memes nachm Motto »Ist halt Sommer« helfen da wenig bis nichts. Ja, es ist Sommer. Die aktuelle Situation kann man trotzdem Scheiße finden. »Normal« ist sie so oder so nicht.

Happy Birthday iPad Pro

Seit genau einem Jahr verwende ich ein 12.9″ iPad Pro (fast) als einzigen »Personal Computer«. Hat gut geklappt, aus dem Experiment ist mein heutiger Normalzustand geworden.

Das, was ich damals nach fünf Monaten zum iPad Pro geschrieben hatte, gilt größtenteils noch immer. Ich spare mir heute also Grundsatzdiskussionen; in diesem Artikel möchte ich auf konkrete Lösungsansätze und Probleme eingehen. Also auf diejenigen Dinge, die sich die letzten 12 Monate als für mich ideal bzw. superstörend herausgestellt haben. Spoiler: Superstörend ist überraschend wenig.

Software

  • In Sachen Raw-Fotografie bin ich eigentlich ständig am experimentieren. Für Einzelbilder hat sich mein Workflow seit Februar nicht mehr groß geändert: FSN Pro nimmt dabei weiterhin die zentrale Rolle ein, Raw-Entwicklung geschieht in Affinity Photo. Viel zu umständlich, wenn man sich Windows- oder Mac-Software gewöhnt ist. Aber geht. Allerdings spiele ich seit gut 4 Monaten auch mit Lightroom CC rum. Dazu folgt bei Gelegenheit ein gesonderter Artikel. Schon jetzt die Kurzfassung: Aktuell die beste Raw-Bildqualität aufm iPad, aber der Abo-Preis von rund 6 Franken im Monat für Mobile-only ist etwas zu hoch, angesichts der fehlenden Funktionen. Ich mein, man kann noch nicht mal Bilddateien umbenennen oder Ausgabeoptionen abseits von »volle Auflösung oder 2048px?« wählen. WTF, Adobe.
  • Bildbearbeitung geschieht in Affinity Photo. Tolles Programm, ich bin auf das angekündigte große Update in ein paar Monaten gespannt. Kommt leider als Raw-Entwickler nicht an Lightroom CC ran, aber in den meisten Fällen ist die Qualität für meinen Einsatzbereich weitaus mehr als nur »gut genug«.
  • A propos Bildqualität: Das iPad Pro ist mit TrueTone erstaunlich genau. Ich arbeite nicht im Prepress-Bereich, aber Drucke bis A3 haben hier farbecht, ohne Tonwertabrisse und mit korrekter Schärfe funktioniert. Die üblichen Abzüge, seien sie fürs Web oder Zeitungsdruck oder als Stapel Postkarten, sind eh kein Problem.
  • Für größere Bildserien (mehr als 30 zu liefernde Fotos) oder kritische Abzüge z.B. für Ausstellungen setze ich hingegen weiterhin auf Capture One Pro. Wie ich das vom iPad aus mache? Folgt weiter unten.
  • Auf iOS geht praktisch nix ohne Cloud-Speicher. Nach einigem hin und her habe ich mich für Microsoft OneDrive entschieden. Der Hauptgrund? Für eine Redaktion benötige ich sowieso die korrekte Unterstützung von Word-Kommentaren und -Hervorhebungen. Und im Office365-Abo ist ein Terabyte mit dabei, also, wayne.
  • Ich nutze OneDrive sowohl für die Übergabe fertiger Bildstrecken als auch als externes Raw-Archiv. Der Upload dauert leider bei größeren Aufträgen ewigs lang, aber da OneDrive auch mit meinem lokalen iMac synchronisiert (eben, siehe unten), habe ich so quasi automatisch mehrere lokale Backups sowie eines »remote«. Automatisch insofern, dass ich nicht daran denken muss, das Zeugs während meiner Backup-Tage noch hochzuladen. Und so landen die Raw-Originale auch automatisch in meinem lokalen Raw-Archiv. Ich muss für einen anderen / besseren Abzug als den im JPEG-Archiv (das in Pixave liegt) also ned online sein. LAN genügt.
  • Von Office365 nutze ich nur (selten) Word und (dauernd) OneDrive. Fürs Schreiben setze ich auf Ulysses, für Redaktion nehme ich Apple Pages, Tabellenkalkulation Numbers. Der Grund dafür ist die iCloud-Integration aller drei Programme incl. Handoff. Und: Ulysses ist die angenehmste Schreibumgebung, die ich als Markdown-Fan bisher gefunden habe.
  • Für mich ist OmniFocus 3 mehr als nur eine Aufgabenverwaltung. Es ist eher so etwas wie eine Speichererweiterung fürs Gehirn. Darin landet alles, was mir irgendwie spontan durch den Kopf geht, oft via Siri (»Hey Siri Mehltau ist Kacke in OmniFocus«). Entweder wird dann daraus eine Aufgabe, ein Projekt oder es landet in meinem Informationsarchiv. Aber zentrale »Inbox« für das alles ist, wie schon die fast 10 Jahre zuvor auf Macs, OmniFocus.
  • Mein oben erwähntes Informations- und Dateiarchiv liegt in DEVONthink To Go 2, lokal auf dem iPad Pro und synchronisiert via iCloud. Dieser Sync-Store gleicht sich auch mit dem iMac ab und landet so in meinem mehrstufigen Backup-Ablauf.
  • Für die wenigen Mac-Applikationen, die ich manchmal benötige, verwende ich einen alten iMac im lokalen Netzwerk. Darauf greife ich via Screens zu, das iPhone wird damit zum Trackpad. Im LAN tut Screens schnell und mit guter Qualität; ich habe als iMac-Auflösung 1280×1024 gewählt (in den Auflösungseinstellungen Option / ALT gedrückt halten, wenn man auf »skaliert« klickt). Das füllt das iPad Pro ordentlich aus, es wird quasi zu einem via Netzwerk angeschlossenen Bildschirm des iMacs.
  • Dieser Zugriff ist allerdings selten nötig: 1x im Monat im Rahmen meines Backup-Ablaufs, sporadisch für Capture One Pro. Und ein paar Mal für die Steuererklärung, da mein Kanton auf eine Java-Applikation setzt. Bäh.
Ein großartiges Stück Software: Affinity Photo.
Ein großartiges Stück Software: Affinity Photo.

Hardware

  • Das Apple Smart Keyboard ist erstaunlich gut. Für eine Neuauflage wünsche ich mir aber noch einige Funktionsknöpfe wie ESC, Lautstärke- und Helligkeitsregler und so weiter. Aber ESC lässt sich zumindest mit CMD+. (Punkt) auslösen. Immerhin.
  • Stationär am Schreibtisch wechsle ich nach Lust und Laune zwischen einem Apple Magic Keyboard und einer mechanischen Lioncast LK20. Letztere wird über den Apple USB-Camera-Adapter angeschlossen und tut bis auf die verdrehten Command- und Option-Tasten 1A.
  • Beim USB-Adapter-Dings war auch der neuere SD-Adapter mit dabei. An aktuellen iPads löbbt der mit USB3-Geschwindigkeit, eine Speicherkarte mit einigen hundert Raw-Bildern wird damit ratzfatz geleert. Gutes Ding.
  • Der Apple Pencil kommt bei mir kaum zum Einsatz. Ich hatte gedacht, dass ich den häufiger nutzen würde. Aber da ich als fotografierender Journalist eh kaum retuschieren darf, hat sich das als Irrtum herausgestellt. Und als Notizblock ist das iPad Pro mit seinen 12.9″ etwas zu sperrig, ganz ab davon, dass es nun mal mein »PC« ist und ich es nicht für kurze Notizen ständig runterklappen will. Hier greife ich z.Z. lieber zu Notizbüchern von Leuchtturm1917 oder ein SenseBook. Aber für kleine Skizzen und vor allem Markierungen in PDFs und Fotos ist das Ding klasse.
  • Der Drucker ist im LAN eingebunden und kommt via AirPrint zum Einsatz. Glücklicherweise nur noch selten.
  • Das iPad Pro ist auch mein Dokumentescanner. Hier macht es sich bezahlt, dass Apple mehr als ordentliche Kameras verbaut. Ich denke, das dürfte auch eher der Grund fürs Einbauen gewesen sein, nicht, dass Leute damit Kirchen fotografieren oder so. Als Scanner-Software nehme ich Scanner Pro von Readdle.
  • Sie sollten die Investition in ein 29W-USB-C-Netzteil ernsthaft in Betracht ziehen. Am mitgelieferten Netzteil entlädt sich der Akku des 12.9″ iPad Pros bei größeren Arbeitslasten, selbst mit abgedunkeltem Bildschirm. Mit Fast-Charging des USB-C-Dings hingegen bekommen Sie das Tablet auch im laufenden Betrieb schnell auf so 80% hoch.
  • Sonst noch was? Ah ja, Second-Screen ist bei mir ein iPad Mini 4, machmal auch das iPhone SE. Mit den ganzen Continuity-Funktionen lässt sich damit manchmal beinahe so arbeiten, als säße man an einem Multi-Bildschirm-Arbeitsplatz.
Jo, das sollte für den Tag reichen.
Jo, das sollte für den Tag reichen.

Fazit

Würde ich den Schritt weg von Macs/PCs zu einem iPad Pro wieder wagen? Jo. Ich kann damit mittlerweile gut 90% meiner Arbeit erledigen und habe so das, was ich Computer-Paretoprinzip nannte, noch etwas mehr auf die Spitze getrieben – ohne, dass ich mit deutlichem Mehraufwand zu kämpfen hätte. Es arbeitet sich anders, nicht unbedingt besser oder schlechter. Einfach anders. In 2-3 iOS-Generationen dürften auch die letzten 10 Desktop-Prozent für mich wegfallen. Ich denke ehrlich gesagt nicht, dass ich mir jemals wieder einen »klassischen« Rechner kaufen werde. Sicher jedenfalls nicht als Hauptrechner und/oder zum vollen Preis. Ist nix mehr für mich.

Für mich. Das sind zwei zentrale Wörter. Wer Partikelsimulationen erstellt oder 3D-Rendering oder AI-Forschung betreibt oder nur schon stundenlang HTML coden möchte, ist mit einem Desktop- oder Notebook-Rechner noch immer deutlich besser bedient. Wer Hygienefanatiker ist, wird mit einem iPad auch nicht glücklich werden, wer vorwiegend in Ordner- und Dateistrukturen denkt sowieso nicht, ebenso wenig Leute, die nicht gerne mit Tastaturkürzeln arbeiten und so ständig für jeden kleinen Arbeitsschritt den Arm heben müssen.

Aber für mich? Tut. Und macht auch Laune. Die lange Akkulaufzeit und hohe Portabilität haben meinen Arbeitsalltag komplett auf den Kopf gestellt – und zum Besseren gewandelt.