Wieviele Gigs sollte man als (Cover)-Band spielen?

Das Fazit vorweggenommen: Ich sehe nichts schlechtes daran, Live-Musik als Hobby zu betreiben, im Gegenteil. Als Band mit Auftritten seinen Lebensunterhalt zu bestreiten ist die letzten Jahre immer schwieriger geworden. Der Markt ist je nach Region stark gesättigt, das Publikum bekommt seinen Live-Kick jedes Wochenende irgendwo – oder dann an einer Party oder im Pub mit YouTube aufm Beamer. Die Pandemie tat ihr übriges, dass der Karriereweg «von Live-Musik leben» für die allermeisten ein Wunschtraum bleibt. Dann trotzdem mit Herzblut und Leidenschaft Musik zu machen und an die Leute zu bringen? Finde ich grossartig!

Begrifflichkeiten: Pro, Semi-pro, Amateur

Amateur soll nicht abwertend klingen. Gemeint ist damit lediglich, dass man seine Auftritte weder als Nebenverdienst (Semi-pro) noch als Hauptverdienst (Pro) versteht. Und da ehrlich zu sich ist und entsprechend handelt. In diesem Beitrag dreht es sich dabei um die Band, nicht deren Mitglieder – in einer Amateur-Band können auch durchaus Berufsmusikerinnen spielen, ein befreundeter Amateur bei einer Semi-pro-Band aushelfen, weil die Gitarristin beim letzten Gig von der Bühne stürzte und nun zwei eingegipste Beine hat.

Pro Live-Musik

Bei einer Pro-Band ist die Band der Arbeitsgeber, die Firma, in der man selbst Gesellschafter oder Angestellter ist. Die Band ist ein Unternehmen, inklusive verschiedener Einkommens-Streams (Live-Gigs, EP/CD, Merch, Meet-and-Greet etc.), Ausgaben und Abschreiber (Equipment, Verbrauchsmaterial, Roadies, Tontechniker*innen, Lizenzen, Versicherungen etc.) sowie Aufgabenbereiche (Live, EP- und Videoclip-Produktion, Stage-Show konzipieren, Kostüme, Deko, neue Songs schreiben etc.).

Viele Pro-Bands spielen nur ihre eigenen Songs. Damit es sich für eine Cover-Band rechnet, ist man oft als Hochzeits- oder Unterhaltungs-Band unterwegs. Man hat ein Repertoire von 150+ Songs aller Stilrichtungen und ist vorwiegend Hintergrundmusik für einen Anlass wie zum Beispiel eine Firmenfeier. Eine menschliche Jukebox, so zu sagen. So an die 70-150 Gigs im Jahr scheint für viele Bands in diesem Umfeld die Norm zu sein.

… oder aber man produziert eben als Originals-Band alle 1-2 Jahre ein neues Album und geht auf die Festival-Rundreise. Dann reichen auch 30-50 Gigs pro Jahr aus, um zusammen mit den anderen Einkommens-Streams davon leben zu können. In der festivalfreien Zeit arbeitet man halt als Studiomusiker*in oder am nächsten eigenen Album.

Semi-pro Live-Musik

Die Band stellt ein Einkommen neben dem Hauptberuf dar. Das heisst, man macht nicht rückwärts, sondern kommt Ende Jahr zumindest auf eine schwarze Null, was Ein/Ausgaben an Zeit, Energie und Geld betrifft. Mittelfristig verdient man aber genug, dass man’s als Nebeneinkommen in die Steuererklärung setzt und Sozialabgaben bezahlt.

Die Musiker*innen solcher Bands werden oft «Weekend-Warriors» genannt, weil sie fast jedes Wochenende irgendwo auftreten – als Cover-Bands in Bars oder als Originals-Band im Vorprogramm für einen (inter)nationalen Act, der in der Region Station macht. Damit es sich rechnet, sind gemäss verschiedener Umfragen wohl um die 30-50 bezahlte Auftritte pro Jahr nötig. Nicht immer ganz leicht, denn sowohl der Hauptberuf als auch Familie und andere Verpflichtungen müssen mitspielen. Und das muss man sich von der Zeit und vom Geld her leisten können. Also heisst das: fast immer Teilzeit-Hauptberuf, oft selbständig statt im Angestelltenverhältnis, verständnisvolles Umfeld.

Amateur Live-Musik

Hier sind die Auftritte ein Hobby. Es wird nicht versucht, damit Geld zu verdienen; ein Hobby kostet in der Regel Geld, egal, ob man im Verein die grösste Modell-Eisenbahn der Nordostschweiz basteln möchte, Felswände hochklettert oder als Cover-Band auftritt. Rechnet man ehrlich, bekommt man nur in Ausnahmefällen wieder etwas monetär zurück. Man darf nicht erwarten, nur schon eine schwarze Null zu schreiben. Wie gesagt: Menschen geben in der Regel Geld für ihre Hobbys aus. Wenn man für Gigs Honorar erhält, ist’s schön, falls sich das Hobby selbst bezahlt. Damit rechnen sollte man aber nicht.

In diesem Bereich finden sich vorwiegend Cover- und, seltener, Originals-Bands, die oft an lokalen/regionalen Festivals auftreten, mal für einen Geburtstag im Freundeskreis oder einfach aus Lust und Laune selbst ein Konzert auf die Beine stellen. Im Gespräch hat sich ergeben, dass 3-10 Auftritte im Jahr als vernünftig erscheinen, je nachdem, was man spielt und vor allem auch, wo man lebt. Denn da ist ja immer auch die Sache mit der Geografie.

Die Sache mit der Geografie

Ein Problem, das viele unbekanntere Bands zu haben scheinen, ist, dass sie ihr Stammpublikum ermüden könnten. Mehr als 2-3x pro Jahr in derselben Ortschaft oder im Falle der kleinräumigen Schweiz im selben Bezirk hat wenig Sinn – egal, wie befreundet man mit der «Heim-Basis» ist, die Leute kommen nicht alle paar Wochen vorbei, nur, um dann dasselbe Set nochmals zu hören.

Das macht die Situation besonders für Semi-pros schwierig. Mit Hauptberuf und Familie im Rücken öfters auch in Deutschland, Österreich und der Westschweiz aufzutreten, damit genug frisches Blut kommt und man die Fan-Base ausbaut? Und dabei genug verdient, dass sich der Aufwand lohnt? Das ist parallel zum Broterwerb eine Herausforderung. Amateure haben es da einfacher, weil sie sowieso weniger Auftritte «brauchen», um das Hobby für sich zu rechtfertigen. Also reichen 1-2x im Jahr daheim und noch 2-3x extern gut aus.

Ehrliches Rechnen, nicht nur für die Finanzen

Ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Leser, die eine oder andere Leserin oben beim Semi-pro-Teil ausrief: Hey, meine Band tritt zwar nur ein paar Mal im Jahr auf, aber wir werden bezahlt, also sind wir Semi-pro, nicht Amateure! Vorangestellt: Die Etiketten, die ich hier verwende, haben nichts mit der Qualität oder dem musikalischen Können zu tun. Es geht mir rein um den berufstechnischen Ansatz. Nun denn, würde besagte Leserin vielleicht sagen: Ich sehe mich als Schlagzeugerin, und wir bekommen Kohle, also: Semi-pro! Der Eindruck mag auch tatsächlich zum Selbstbild passen. Aber ich denke, öfters ist es der Fall, dass nicht ehrlich gerechnet wird.

Denn: Sind mit diesem Verdienst z.B. Ersatz-Saiten oder das neue Effektgerät für den Bass bezahlt? Oder die Zweit-Gitarre, die man für die drei Songs auf Eb braucht? Wie sieht es mit Anfahrt zum Übungsraum aus, oder zu den Gigs? Verpflegung unterwegs oder vorort? Die Zeit, die für Proben draufgeht – hat man die, weil man im Hauptjob unbezahlten Urlaub nimmt oder als Selbständige*r Aufträge ausgeschlagen hat? Und ist man nach einem Gig am nächsten Tag als Angestellte*r noch voll arbeitsfähig und hat generell genug Energie für die Partnerschaft und Kinder? Ist das Equipment versichert, und wie sieht es mit Folgekosten für gesundheitliche Gebrechen wie «Rücken», Karpaltunnelsyndrom oder Hörschaden aus? Oh, und die Bandraum-Miete bedacht? Steuern bezahlt?

Die Graukosten gehen gerne vergessen

Semi-pro ist man dann, wenn trotz alledem immer noch ein sozialversicherungspflichtiges Einkommen besteht. Und ich denke, bei diesen «Graukosten» verrechnen sich oft viele Musikerinnen und Musiker – auf allen Ebenen, nicht nur bei den Semiprofessionellen. Ob Schülerband oder internationaler Top-Act, oft wird sich die Leidenschaft auch schöngerechnet oder man vergisst die Graukosten an Zeit, Geld und Energie. Ein weiteres Problem beim unehrlichen Rechnen besteht darin, dass man sich verschätzen kann und sich, zum Beispiel als Amateur-Band, übernimmt. Man kalkuliert die Kosten, als wäre es ein Hobby, hat aber die Ambition, so viele Auftritte wie jemand zu stemmen, der oder die davon zumindest zum Teil leben muss. Und weil die Graukosten ausgeblendet werden, denkt man zu schnell, dass es funktionieren könnte.

Das ist meiner Meinung nach auch der Hauptgrund dafür, dass sich viele ambitionierte Bands nach 2-3 Jahren auflösen. Ein Teil der Band findet diese Graukosten angemessen oder ignoriert sie. So kommt man dann zum Schluss, dass es jetzt an der Zeit für den nächsten Schritt wäre, weil, man verdient ja bereits jetzt Geld, mit mehr Auftritten gibt’s auch mehr Geld, logisch, und dann kann man semiprofessionell auftreten und als Opener mit einem bekannten Act auf Europatour gehen und so weiter. Ein anderer Teil der Band sieht die Belastung fürs familiäre und berufliche Umfeld, den eigenen Energiepegel und kommt zum Schluss: Bei allem Spass, auf der Bühne zu stehen, das Jahreshonorar reicht bei weitem nicht aus, um diese Belastungen gesund auszugleichen. Damit sich besagter «nächste Schritt» lohnt, müssten wir statt 4x im Jahr 30x auftreten, dafür müsste ich aber im Job auf 60 % reduzieren, und das lässt meine Firma nicht zu.

Also – was heisst das denn nun für Amateure?

Wie gesagt – ich mag Amateur-Bands; nicht selten finden sich dort bessere Musiker*innen als bei Pro-Acts, die routiniert und gelangweilt jeden zweiten Abend ihr Set runterspulen. Aber um zur titelgebenden Frage dieses (viel zu langen) Beitrags zu kommen – wie oft ist zu oft, oder nicht oft genug, um als (Cover-)Band gut unterwegs zu sein?

Eine Faustregel, die ich vor einiger Zeit gehört und für gut befunden habe, lautet: Ein Auftritt entspricht in Sachen Zeit und Energie sechs Bandproben, und umgekehrt. Probt die Band üblicherweise zwei Mal im Monat, entsprächen diese Proben vier Live-Gigs; da man sich aber mit Proben auf diese Gigs vorbereiten sollte, wären 2-3 Auftritte im Jahr angemessen. Probt man wöchentlich, 4-6 Auftritte im Jahr; wer sich ein Mal im Quartal trifft, kann sich sicher einen kleineren Auftritt im Jahr erlauben. Und hey, das ist nicht Nichts, sondern spielt der Band gegebenenfalls sogar in die Hände. Denn jedes Konzert wird so zum Anlass, zum Event. Die Fanbasis freut sich, die Band endlich mal wieder live zu sehen. Und sagt sich nicht: Och, die treten eh alle paar Wochen live auf, ich guck lieber nächsten Monat mal rein. Heute ist das Wetter zu schön und ich will grillieren.

Würde Metallica jedes Mal das Hallenstadium füllen, wenn die Band 12x im Jahr in der Schweiz wäre? Eben.

Was habe ich 2021 gelernt? — Gesundheit und Wohlbefinden

Keine Überraschung – im zweiten Pandemiejahr spielte Gesundheit eine zentrale Rolle bei der Frage, was ich denn aus dem Jahr 2021 an Gelerntem mitnehmen möchte. Deshalb beschliesse ich mit dieser Kategorie meinen Rückblick – in der dazugehörigen Liste findet sie sich an erster Stelle. Nun denn!

Schlaf, oh Schlaf, oh so wichtig

Binsenweisheit – der Mensch braucht Schlaf. Einerseits muss sich der Körper erholen, andererseits der Geist. Was ich aber 2021 feststellen musste, ist, dass ich als mittlerweile 46jähriger deutlich häufigere Erholungszeiten benötige, als zuvor. Noch vor fünf Jahren lachte ich etwa über das Konzept des Mittagsschlafs, und so Dinge wie autogenes Training oder gar Meditation waren vielleicht für Menschen in besonderen Lebenssituationen interessant, aber sicher nicht für mich. Dass die Online-Stores voller «Mindfulness»-Apps sind? Schlechter Witz!

Nun ja, ihr könnt Euch die Punchline sicher denken. Mittlerweile halte ich an durchschnittlich fünf von sieben Tagen Schläfchen. Und mache meine tägliche Achtsamkeits-Meditation. Am meisten brachte es mir aber, auf guten Nacht-Schlaf zu bestehen. Das müssen nicht einmal acht Stunden sein, so sechs bis sechseinhalb reichen dicke – aber die müssen gut sein. Hier hilft es mir, wenn ich nicht zu spät zu Abend esse. So 6-8 h vorm Hinlegen ist ideal.

Sozialkontakte können ein Grundbedürfnis sein

Eine grosse Überraschung für mich war, wie wichtig Sozialkontakte für mich sind. Mein Selbstbild war immer das eines Eigenbrötlers. «Ich bin allein, aber nicht einsam» war seit der Kindheit mein Lebensmotto. Eine Handvoll enge Kontakte würden mir ausreichen, dachte ich. Da hat mich 2021 eines besseren belehrt. Zufallsbegegnungen und Gespräche sowohl mit Freunden als auch mehr oder weniger entfernten Bekannten geben mir Perspektive, rücken meinen Kopf und meine Position als Teil der Gesellschaft zurecht – besonders während der Corona-Pandemie ein wichtiger Punkt, Stichwort «Bubble». Selbstverständlich sind nicht alle Begegnungen oder Konversationen super, besonders nicht online. Aber offen zu bleiben und es trotzdem zuzulassen, bei Bedarf sogar aktiv zu suchen? Das war etwas, das ich erst lernen musste, so komisch es klingen mag.

Nicht zu lange zögern, wenn etwas rumzickt

Einige haben es mitbekommen, ich verbrachte 2021 vergleichsweise viel Zeit im Krankenhaus. Anfangs Jahr zickten meine Gelenke dermassen rum, dass ich in der Rheumatologie ein und aus ging. Das kannte ich schon, kommt vor. Aber dann spuckten Bauchspeicheldrüse und Gallenblase, nun ja, Gift und Galle. Mitte Oktober durfte ich auf die Notaufnahme, um dann die nächsten acht Tage zwischen drei verschiedenen Krankenhäusern herumgeschoben zu werden. Und, deshalb kam’s auf meine Liste: Das wäre unter Umständen so nicht nötig gewesen.

Denn dass meine Gallenblase immer wieder mal rumzickt(e), gehörte über 10 Jahre lang zu meinem Körpergefühl. War auch medizinisch kein echtes Problem, meinten meine Ärzte. Aber ich habe alle gefährlicheren Warnzeichen ignoriert. Bereits im Juni, Juli wäre eigentlich klar gewesen, dass es sich um mehr als das übliche Rumgezicke handelte. Ich gehe nicht in die Details, aber nun ja, der ganze Notfallzirkus inklusive Operationen, noch dazu mitten in einer Pandemie, hätte ich mir und dem Gesundheitssystem ersparen können. Entsprechend steht nun ganz zuoberst auf meiner Jahresliste: Lieber zu früh als zu spät zur Ärztin, egal, ob es um Körper oder Psyche geht.

Schlusswort

Ja, die Psyche. 2021 war für viele von uns ein schwieriges Jahr. Wir haben Freunde, Bekannte, Familie verloren – oder Rücklagen, oder den Job. Freundschaften gingen in die Brüche. Und auch mit unseren Köpfen stellt die Pandemie-Situation Dinge an, mit denen wir umgehen lernen müssen. Vor einiger Zeit hatte ich dazu geschrieben:

Die psychologische Komponente darf nicht vergessen werden, noch für viele Jahre, nachdem Corona endlich «durch» sein wird. Wir sind individuell und als Gesellschaft aus dem Tritt gekommen, könnte man sagen.

Entsprechend möchte ich auch diesen Jahresrückblick mit einem Infoblock abschliessen:

Falls Ihr Hilfe braucht, hören Euch in der Schweiz telefonisch (u.a.) Pro Mente Sana unter 0848 800 858 und Die Dargebotene Hand via 143 zu. Beide bieten ebenfalls Beratung über E-Mail an, die 143 auch in einem Chat. Pro Mente Sana kann ich persönlich empfehlen, sie haben mir schon vor Jahren durch Krisen geholfen.

Was habe ich 2021 gelernt? — Bass und Musik

Man kann wohl sagen – die Pandemie gab mir musikalisch einen Schub. Zwar wärmte ich mein Bass-Spiel bereits 2019 zaghaft auf, als Little Red Riding Hoods zum 25-Jahre-Jubiläum aus dem doch sehr langen Dornröschenschlaf aufwachte. Aber richtig Gas gab ich dann 2020 und 2021. Das liegt natürlich insbesondere daran, dass ich bei Scream Therapy endlich wieder regelmässig in einer Band spiele. Aber auch sonst: ich merke, es tut mir gut, wenn ich mich mit Musiktheorie und -Praxis auseinandersetze. Entsprechend war schon 2020 klar, dass «Bass und Musik» eine eigene Kategorie in meiner Lern-Liste bekommen würde.

Live is Life, na naaaa naa na na

2021 war ein wichtiges Jahr in der Hinsicht. Denn ich stand endlich wieder auf der Bühne und ich rief mir so in Erinnerung, weshalb ich eigentlich vor 30 Jahren mit der Bassgitarre angefangen und später Musikwissenschaften studiert hatte. Egal, ob vor 10 oder 200 Leuten – live zu spielen ist ein Erlebnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Dass das trotz Pandemie gleich mehrmals möglich war, ist eines meiner Highlights des auslaufenden Jahres.

Zwar merkte ich im Herbst, dass ich echt keine 40 mehr bin und doch meine 4-10 Tage Pause zwischen Auftritten benötige. Aber trotzdem: tut gut, und wenn’s auch dem Publikum Spass macht, dann ist allen geholfen.

Weniger ist mehr

Der junge Erni war ein typischer «Fiedler». Ich spielte viele Noten und komplizierte Riffs, verzierte alles und füllte jede Lücke im Song. Was ich letztes Jahr lernen musste, war, dass weniger tatsächlich mehr ist. Die Lücken definieren die Musik, nicht die Töne. Dasselbe gilt auch bei der Ausrüstung. Auf den ersten Blick wirkt mein Pedalboard alles andere als minimalistisch, aber ich schalte gerade mal drei der Effekte zu, der Rest ist always-on.

Sieht nach mehr aus, als es ist: Mein Pedalboard Ende 2021.

Auch 2022 wird für mich ganz im Zeichen des Reduzierens stehen. Kann ich auf eine Note, auf einen Fill verzichten? Wie viele Bassfrequenzen unter 100 Hertz brauche ich in diesem Raum und auf dieser Bühne, damit es noch nach Bass klingt, ohne, dass es die Biergläser von der Bar rüttelt? Mit Scream Therapy spielen wir ohne Verstärker auf der Bühne, und schon wirkt das recht grosse Pedalboard gar nicht mehr so kompliziert. Denn für uns heisst das live, dass ein Stromkabel rein und ein XLR-Kabel raus muss, fertig. Dinge einfach halten lautet das Motto, eben: weniger ist mehr.

Do or don’t, there is no try

Als Teenager spielte ich ständig, dann immer seltener, Uni und Beruf forderten ihren Tribut. Schlussendlich nahm ich den Bass nur noch zur Hand, wenn eine meiner damaligen Bands probte. Grosser Fehler! Was ich letztes Jahr lernte, ist, dass täglich 10-15 Minuten zu üben mehr bringt, als ein Mal die Woche für zwei Stunden. Aber man muss es halt auch tun.

Ähnliches gilt in Sachen Vorbereitung. Niemandem ist geholfen, wenn man als Band einen neuen Song spielen will, aber dann seinen Part nicht kennt. In dem Fall sagt man lieber: Sorry, ich kann das noch nicht, ich übe den Song auf nächste Woche ein. «Üben» ist hier das Stichwort. Die Bandprobe ist nicht der Moment, um Bass zu üben. Das macht man daheim. In der Band probt man. Dann verschwendet man auch nicht die Zeit seiner Band-Kolleginnen und -Kollegen.

Was habe ich 2021 gelernt? — Sonstiges

«Sonstiges» ist, wie man erahnt, meine Sammelkategorie für alle Dinge, die es nicht in eine der anderen Kategorien meiner «Was habe ich dieses Jahr gelernt?»-Liste schaffen. Weshalb bringe ich dieses Sammelsurium bereits an dritter statt an letzter Stelle? Na, weil ich mir die Kategorie «Gesundheit und Wohlbefinden» für den Schluss aufsparen möchte, «Bass und Musik» aber fürs Mittelfeld zu wichtig in meinem Leben ist. Sehr viel Verschiedenes hat sich bei «Sonstiges» angesammelt, stellvertretend habe ich mir drei Punkte für diesen Beitrag herausgepickt.

Check your Privilege

Der Begriff «Privileg» wurde 2021 ein bisserl inflationär verwendet. Einerseits gingen die Debatten über White Privilege und die sprichwörtlichen «alte weisse Männer» weiter, andererseits echauffierten sich viele Gegnerinnen und Gegner der Coronavirus-Massnahmen an etwaigen Privilegien, die Maskentragende / Geimpfte / Getestete / Dreifach-Geimpfte geniessen würden. Unterdrückung! Apartheid! Was ich mir dazu notiert habe, entstand im Gespräch mit Soziologie-Bekannten:

«Privileg» in diesem Sinne heisst nicht, dass man Vorteile hätte. Sondern, dass man in der Hinsicht keine systemischen Nachteile erdulden muss.

Stichwort ist hier «systemisch» – wenn in einer Notlage wie einer laufenden Pandemie der Zugang etwa zu Bars und Clubs reglementiert ist, hat das nichts mit ungerechtfertigen Privilegien für Geimpfte zu tun. Mit wenigen Ausnahmen könnten alle Kritiker:innen in den Genuss derselben «Privilegien» kommen, kostet nur die Wartezeit für die Impfung. Sie sind nicht aufgrund ihrer Geburt, Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung etc. ausgeschlossen. Es sind temporäre Massnahmen Aufgrund besagter Notlage, nicht Teil dessen, wie die gesamte Schweizer Gesellschaft funktioniert.

An die, und in, Reserven denken

Ich weiss nicht, wie es Euch dabei geht. Aber ich wuchs in einem ärmlichen Haushalt auf, ohne Auto oder genug Geld, um grössere Mengen Nahrungs- und Verbrauchsmittel einzukaufen. Später lebte ich jahrelang in einer kleinen Wohnung im Aargau und pendelte jeden Tag nach Zürich, kaufte entsprechend Dinge des täglichen Bedarfs unterwegs ein. Tiefkühler oder nur schon eine Besenkammer für ein paar dutzend Rollen Toilettenpapier waren nicht vorhanden.

Kurz: Ich war es mir bis weit in meine 30er nicht gewöhnt, Vorräte anzulegen und in Reserven zu denken. Das schlug sich auf die meisten Belange nieder, von finanziellen Rücklagen bis zu besagtem Toilettenpapier. Seither wurde es besser, aber erst durch die Pandemie lernte ich, aktiv darauf zu achten: Wechsle ich gerade automatisch in eine Abwehrhaltung, da es um Vorräte geht? Mir ist bewusst, dass bei weitem nicht jede und jeder Vorräte anlegen oder Investitionen fürs Alter (oder Notfälle wie eine Pandemie) tätigen kann. Der Punkt ist eher so zu verstehen: Schön, dass ich für mich einen Knopf im Kopf lösen konnte – auch wenn es tagtägliche Arbeit für mich darstellt, den Knopf auch gelöst zu halten, damit uns nicht doch noch mitten in den Feiertagen das Heizholz ausgeht.

Nachhaltig(er) konsumieren

Verwandt damit ist, dass ich endlich verstanden habe, dass nachhaltiger(er) Konsum tatsächlich Sinn hat. Nicht einfach nur so à la «ja, wäre schon noch sinnvoll», sondern dass es «Klick» gemacht hat. Entsprechend frage ich mich bei jedem Kaufimpuls zuerst einmal:

  1. Brauche ich das wirklich?
  2. Kann ich das alte Ding weiterverwenden, oder reparieren, oder anpassen, damit ich es noch ein Weilchen nutzen kann?
  3. Falls dann doch ein Kauf ansteht: Geht das auch auf dem Occasion-Markt?
  4. Und falls nicht: Liesse sich das neue Ding (relativ leicht) reparieren, und hat sich das Produkt über viele Jahre bewährt?

Ich bin noch weit davon entfernt, das konsequent in allen Belangen durchzuziehen; so bin ich zum Beispiel immer noch voll im Apple-Garten gefangen. Baby steps.

Auch hier gilt allerdings, wie bei der Sache mit den Rücklagen – check your privilege. Nachhaltiger Konsum mag längerfristig finanziell günstiger kommen, aber initial muss man es sich erst einmal leisten können. Man kann nicht von sich auf andere schliessen. Vielleicht geht es nicht anders, als dass du dir jedes Jahr eine neue Billig-Winterjacke kaufen musst, weil die paar hundert Franken für etwas Ordentliches schlicht nicht da sind. Terry Pratchett nannte das die Stiefel-Theorie der ökonomischen Ungerechtigkeit.

Was habe ich 2021 gelernt? — Arbeit und Technik

Vorweggenommen, wie bereits 2020 war dieses Jahr beruflich nicht nur für mich alles andere als ein gutes Jahr, so als Selbständiger. Zwar fanden etwas häufiger Veranstaltungen statt als im ersten Corona-Jahr, aber die systemischen Probleme der Medien nahmen weiter an Fahrt auf. Ich nutzte die Zeit entsprechend für das, was man in einer Firma wohl «interne Organisation» nennen würde. In meine Liste haben es unter anderem diese drei Punkte geschafft:

Es ist Pandemie, nicht normal arbeiten zu können ist das neue Normal

Es ist okay, wenn man mal nicht «mag», die Energie fehlt und man einfach nur erschöpft und mütend vor dem iPad oder hinter der Kamera herumsitzt. Meine Güte, es ist Pandemie! Letztes Jahr war ich noch vorsichtig optimistisch; ich hatte erwartet, dass sich die Leute um die Impfung reissen und wir die Situation gemeinsam in den Griff bekommen werden. Pustekuchen. Dass es dann auch in der Zusammenarbeit mit Klient:innen und Redaktionen weiterhin unrund laufen kann, darf nicht verwundern. Veranstaltungen von der kleinen Lesung bis zum Spengler-Cup können innerhalb von 24h abgesagt werden. Interviewpartner:innen sitzen plötzlich in Isolation fest, Artikel werden verschoben, weil der Bundesrat an einer Medienkonferenz etwas Dummes gesagt hat. Und so weiter. Eine gewisse Gelassenheit ist auch für freiberufliche Mitarbeitende durchaus angebracht. Shit happens. Get over it. Smile.

Silos sind nicht schlimm, aber es braucht einen Ausstiegsplan

Die reduzierte Auftragszahl war wie gemacht dafür, dass ich meine Software-Infrastruktur hinterfrage und mit neuen Tools experimentiere. Denn wenn’s mit einem frischen Werkzeug nicht klappen will, sind nicht gleich dutzende Artikel oder hunderte Fotos betroffen. Mir ist dabei aufgefallen, dass ich über die Jahre mehr und mehr in so genannte «Silos» gerutscht bin – Applikationen also, die ihre Daten in einer eigenen, geschlossenen Datenbank und/oder in proprietären Formaten verwalten.

Was meine Experimente gezeigt haben, ist, dass das nicht weiters schlimm ist – vorausgesetzt, ich bekomme mein Geraffel aus besagten Silos und besonders auch Apples «Walled Garden» heraus. In einem weiteren Schritt hat es Sinn, zwischendurch zu prüfen, ob man seine gewohnte Arbeitsabläufe mit anderen Tools oder auf einem anderen Betriebssystem abbilden kann. Das ist eine Sache, an der ich auch nach der Pandemie festhalten möchte, also ein Mal im Jahr und einen Monat lang meine am häufigsten genutzten Werkzeuge beiseite zu legen und mit etwas ganz anderem zu arbeiten. Es beruhigt mich, wenn ich merke: Ja, ich komme immer irgendwie an meine Daten. Und wer weiss, vielleicht finden sich auch Verbesserungen für den gewohnten «Workflow»?

Die Relationen müssen gewahrt bleiben

Pandemie hier, Erwerbsausfall da – aber es bringt nichts, kopflos jeden Auftrag anzunehmen, der sich doch noch anbietet. Drei Stunden ÖV, eineinhalb Stunden vor Ort, dann drei Stunden für die Bilderauswahl und das Runterschreiben? Für am Schluss vielleicht 20 Franken Stunden-«Lohn»? Ist es die körperliche und psychische Belastung wert? Und wie sieht es mit der ständigen Erreichbarkeit aus, damit man auch ja keinen potenziellen Auftrag verpasst? Ich habe für mich einige Regeln aufgestellt:

  1. Falls zwischen Anfrage und Deadline weniger als 7-10 Tage liegen, muss das Honorar entsprechend höher ausfallen. Davon ausgenommen sind Dinge, für die ich eh schon vor Ort gewesen wäre.
  2. Ich bin nur noch für eine Handvoll Menschen in Echtzeit telefonisch erreichbar, alles Andere wird aufs Voicemail umgeleitet. Die ständigen Anrufe reissen mich aus dem Flow und sorgen für einen unterschwelligen Dauer-Stress. Ich muss mit dem Telefon also wie mit Mail umgehen können – die Anfragen genau dann abarbeiten, wenn ich Zeit und Energie dafür habe.
  3. A propos Mail – wenn ich dann doch mal einige Tage frei-frei brauche, um meine Batterien zu laden, richte ich seit kurzem eine Autoreply ein. Die Trennung zwischen «privat» und «beruflich» fällt Selbständigen traditionell schwer. Kurze, automatisierte Antworten helfen zumindest mir enorm in dieser Hinsicht: Ich gucke nicht «doch noch kurz» ins Mail, sondern dann, wenn ich aus dem Pseudo-Kurzurlaub «zurück» bin. Also genau so, wie es auch die meisten Angestellten handhaben sollten.