Es ist immer noch Pandemie, imfall. Besonders für die Pflegenden.

«Leben und Leben lassen» und «Soll doch jeder das tun, was er/sie für richtig hält», «das Covid-Zertifikat spaltet die Gesellschaft» und so weiter gilt erst dann, wenn wir als Gesellschaft der Meinung sind: jetzt ist Covid endemisch. Aber das ist kurz- und mittelfristig besonders aus Sicht der Pflegeversorgung nicht etwas, was man möglichst schnell möchte.

«Covid ist eh endemisch, also alle Massnahmen aufheben, die Pandemie ist vorbei!» Das gilt dann, wenn wir uns als Gesellschaft wie z.B. bei der Influenza auf eine vertretbare Anzahl Tote und Langzeitgeschädigte geeinigt haben werden, und das Pflegefachpersonal und die medizinischen Ressourcen, auch bei Spitex und Konsorten, mit dieser Einigung umgehen können werden. Wie’s den Betroffenen in Sachen Gesundheitsversorgung, etwaigen Anmeldungen zur Invalidenversicherung oder wie bei den gekündigten Longcovid-Pflegekräften gehen sollte, lassen wir mal aussen vor. Das machen wir ja sowieso bei vielen Krankheiten und Gebrechen seit langem. Covid und Longcovid werden sich da irgendwann neben Depression, Grippeschäden und Schleudertrauma einreihen.

Weniger Covid auf der IPS? Cool, dafür die ganzen verschobenen Behandlungen

Aber … davon sind wir in der Schweiz noch mindestens 3-4 Monate entfernt. Mindestens. Persönlich rechne ich mit 6-12 Monaten, optimistisch gesehen. (Falls man das Optimismus nennen möchte, vermeidbare Krankheitsfälle zu dulden.) Denn besagtes Pflegefachpersonal hätte auch gerne mal wieder «Normalzustand». Stattdessen ist seit bald 20 Monaten Dauerstress angesagt. Ist ja schön, wenn die Covid-Fälle auf der Intensiv und auf den Pflegestationen zur Zeit einigermassen stabil bleiben. Aber gleichzeitig werden zehntausende bisher aufgeschobene Behandlungen nach und nach abgearbeitet.

Entlastung der Pflegefachkräfte: Null. Jeder einzelne, jede einzelne Impfgegnerin, der / die sich ansteckt und behandelt werden muss, und jeder einzelne Covid-ist-nicht-schlimmer-als-Grippe-Mensch ist in diesem Zeitraum eine*r zu viel. Auch für diejenigen ohne kurzfristig lebensbedrohliche Erkrankungen oder Schädigungen, deren Behandlung aber halt einen IPS-Platz bedürfte, also mal so bis 2022 oder so aufgeschoben werden muss.

Winter is (perhaps? probably?) coming

Und nun ja, wir hatten gerade mal 3 Wochen Herbst. Die schön warm und angenehm waren. Draussen rumsitzen, jetzt sind gerade Herbstferien, alles super. Aber langsam kommt halt der Winter. Und der Schutz der Leute, die früh im 2021 geimpft werden konnten, lässt nach. Und wir haben für die westliche Welt fast einzigartig viele Ungeimpfte, und mehr und mehr Pflegende haben die Nase voll. Das Potential für einen pflegerischen GAU ist beträchtlich.

Wäre ich eine Skisport-Destination oder Gastro-Unternehmen, ich würde spätestens jetzt so viel für die Impfung, und mögliche Auffrischimpfungen weibeln, wie nur geht. Und als FaBe oder FaGe würde ich noch mehr Wind für die Pflegeinitiative machen, als bereits geschehen.

Und als Politiker*in? nun ja. Zum Glück für sie haben wir erst 2023 nationale Wahlen, das kann man wohl aussitzen. Tun jedenfalls viele dieser Leute seit bald 20 Monaten.

Für Print sieht es nicht gut aus

Heute hat das WEMF die aktuellen Reichweiten verschiedener Schweizer Print-Produkte – Zeitungen und Magazine – publiziert. Selbst die meistgelesene Zeitung der Schweiz hat fast 20 % an Reichweite eingebüsst.

Neue Zürcher Zeitung? -14 %. Aargauer Zeitung? -13 %. 20 Minuten? -19 %. «Meine» Haupt-Zeitung, St. Galler Tagblatt incl. Regionalzeitungen, hat’s mit -2 % noch einigermassen glimpflich erwischt. Aber die aktuellen WEMF-Zahlen sind deutlich: Print, so, wie wir ihn seit ca. 1780 kennen, stirbt einen langsamen, langsamen Tod.

Keine Überraschung, aber weiterhin ein Problem

Gut, das kommt nicht wirklich überraschend. Und für viele Leserinnen und Leser dürfte sich die Frage stellen – jo, und nu? Die Zahlen in digitalen Formaten steigen, klar sinken im Gegenzug die Totholz-Anteile? Das mag so sein. Aber ignoriert die Art und Weise, wie viele Journalisten und Journalistinnen, Reporterinnen und Reporter arbeiten, mit der (mehr oder minder) klaren Arbeitsteilung, Vieraugen-Prinzip, Blattmacher*innen, Korrektorat und so weiter. Es wird interessant sein, zu sehen, wie 20 Minuten mit der neuen «social-first»-Strategie zurande kommen wird – immerhin entscheiden dann die Menschen am Social-Desk oder vielleicht gar die Berichtenden live vor Ort, wie Lead und Anriss des Beitrags aussehen sollen, und wann und wo er erscheint.

Problem (nicht nur) für freie Mitarbeitende

Kurz – für Redaktionen ist’s nicht einfach nur ein Medienwechsel. Es ist auch ein Wechsel im Workflow, in der Firmenkultur und führt gegebenenfalls zu einem veränderten Qualitätsanspruch. Schwierig kann das für freie Mitarbeitende werden, denn diese arbeiten in der Regel für verschiedene Redaktionen, die mehr oder weniger weit in diesem Medienwandel-Prozess fortgeschritten sind. Damit wird einerseits eine etwaige Zweitverwertung aufwendiger oder verunmöglicht. Andererseits verpassen sie als «Freie» interne Weiterbildungen oder informell an der Kaffeemaschine bestimmte Konventionen und Regeln.

Wandel kann man nicht aufhalten, höchstens ausbremsen. Persönlich begrüsse ich es, dass mein Altpapierstapel zunehmend an Umfang verliert. Moderne Displays sind für mich gut genug, um auch lange Beiträge zu lesen. Meinen Einstieg als Reporter hatte ich in reinen Online-Medien, als freier Mitarbeiter muss ich mich eh an zig verschiedene Vademeca und Vorgaben halten – die eine Publikation möchte nur Bilder im 16:9-Format, die andere mit runtergeschraubtem Kontrast für die Offset-Maschine. Die eine gendert mit Sternchen, bei der anderen streicht das Korrektorat alles Gegenderte raus, die dritte hat gar kein Korrektorat. Also business as usual für mich und meine freiberuflichen Kolleg*innen? Irgendwie schon. Aber wie gut Redaktionen als Gesamtes, mit ihren gewachsenen Strukturen, Aufgaben, Funktionen und Abläufen, damit klar kommen? Da wird es interessant bleiben. Und ich kann es verstehen, wenn es etwas länger dauert, bis sich das einigermassen eingependelt hat.

Irgendwie habe ich ein Jahr verpasst

Geht es nur mir so, oder hat die Pandemie das Zeitgefühl verschoben? Ich war heute das erste Mal seit meinem letzten Beitrag auf meiner eigenen Homepage, ohne, dass ich es bemerkt hätte.

Das Coronavirus hat neben Streitereien betreffend Zertifikaten, Impfungen, Massnahmen generell für mich persönlich in den letzten 20 Monaten auch für etwas ganz Ungewohntes gesorgt: Eine Art Zeit-Dehnung. Ich weiss manchmal nicht mehr, welcher Wochentag ist, oder welcher Monat. Oder wann Dinge geschehen sind, wunderbare Dinge, die ich noch 2019 an die (nervige) supergrosse Glocke gehängt hätte. Ich mein …

Dieses Jahr ist endlich ein Update zu meinem Buch über Capture One Pro erschienen (danke, Frank). Das sollte man doch gross auf Social Media bewerben? Und besonders auf seiner eigenen Homepage?

Frank Treichler, Sascha Erni: Capture One Pro (21) verstehen und anwenden

Ich hatte diese, meine eigene private, seit 20 Jahren bestehende Website komplett vergessen. Ich dachte, ich hätte da ständig Publikationen und Ereignisse und interessante Blog-Beiträge nachgeführt. Nein, mein letzter Beitrag ist aus der Silvesternacht 2020. Hatte ich nicht bemerkt.

Und dabei wurde nggalai.com dieses Jahr 20 Jahre alt! Zeit zum feiern! What a ride it has been!

Vergessen. Ignoriert. Ging unter. Dachte, hätte ich schon gemacht. Dachte, die Website gäbe es noch nicht so lange. Dachte, ich hätte sie eh gelöscht, weil anderes wichtig ist.

Oder … ich hatte meine ersten Live-Auftritte seit langer Zeit, und davon gleich mehrere. Denn im Dezember letzten Jahres wurde ich Bassist bei Scream Therapy. Wieder ein Grund, zu feiern! Ja, aber nicht hier auf meiner Homepage. Dabei hätte ich schon vor Wochen zum Beispiel das hier reinhängen können:

Nix. Nada. Hatte meinen eigenen verf*ckten Webspace vergessen.

Und so vieles Anderes ging vergessen, ging unter.

Es ist immer noch Pandemie, leider, und die Schäden schlagen sich nicht nur in den Fallzahlen nieder. Die psychologische Komponente darf nicht vergessen werden, noch für viele Jahre, nachdem Corona endlich «durch» sein wird. Wir sind individuell und als Gesellschaft aus dem Tritt gekommen, könnte man sagen. Manche versuchen, das mehr oder weniger erfolgreich zu übertünken, feiern Covid-Zertifikat und Impfrate als Schritte «zurück zur Normalität». Andere bekämpfen die Massnahmen wider jeglicher Vernunft, weil sie besagte Normalität «gerne zurück hätten» und dafür die laufende Pandemie gerne ignorieren möchten. Ich persönlich halte mich an die Realität und bin entsprechend im Team IMPF DICH ENDLICH MEINE FRESSE WAS STIMMT NICHT MIT DIR, aber dieser Drang, dieses Ziel, zurück zu einer präcoronaiden Realität zu gehen, scheint so oder so in der breiten Bevölkerung unglaublich stark.

Aber bei diesem ganzen Zurück… bleibt leider die Gegenwart, und auch die Zukunft, auf der Strecke, denke ich. In dem Moment jedoch wo ich heute eine Malware-Warnung reingeschneit bekommen habe, erscheint mir die Gegenwart als wichtiger. Nicht was war, oder was sein könnte, sondern das Jetzt. In der dann ein Erni (oder sonst jemand) rumsitzt und sich erstaunt die Augen reibt: Was, das hatte ich ganz vergessen?

Ein bildzentrischer Jahresrückblick 2020

2020 war kein gutes Jahr für viele freiberufliche Reporter und Journalist:innen. Mein persönlicher Rückblick soll auch in dieser Hinsicht als Illustration herhalten.

Die folgenden Einträge sind bereits auf Facebook erschienen, so einen Monat pro Tag, aber ich dachte mir: Hey, ich könnte auch mal wieder etwas in mein Blog hängen. So gebündelt und so. Ergo:

Januar 2020

Im Januar war noch alles »normal«, könnte man sagen. Mehr noch, ich startete privat wie beruflich ausgezeichnet ins 2020. Alles deutete darauf hin, dass dieses Jahr noch erfolgreicher verlaufen würde als 2019, mein bestes (Arbeits-)Jahr seit den frühen 2000ern, und das, obwohl Januar in der Regel für mich ein eher »langsamer« Monat ist. Ob Porträts von und Interviews mit Fischhändlern und Lädeli-Besitzerinnen, Reportagen zu Bio-Rindfleisch, libanesische Erfinder im Toggenburg, das Neujahrskonzert der Musikgesellschaft Harmonie (Bild) oder Parteianlässe im Vorfeld der kommenden Wahlen – alles war möglich, alles war gefragt.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 239, viel für einen Erni-Januar

Februar 2020

Mitte Februar hörte ich das erste Mal abseits von Randnotizen von »Corona«, denn ich berichtete vom traditionellen Raiffeisen-Finanzapéro in Wattwil. Für den Referenten war klar, dass die Wahl zum US-Präsidenten das wichtigste Ereignis 2020 werden würde, aber er erwähnte auch »dieses Virus, das sich in China breit macht.« Mein Interesse geweckt las ich mich ins Thema Sars-Cov-2 ein. Mir wurde ein bisserl mulmig, aber als ich zwei Tage später Bruno Damann an der Hauptversammlung des Jägervereins Toggenburg in Lichtensteig traf (Bild), erwartete ich nicht, dass ich ihn im Verlaufe des Jahres in gleich so vielen Pressekonferenzen sehen werde. Noch nicht.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 92, normal für einen Februar

März 2020

Shutdown! Für den 16. März rief der Bundesrat die »außerordentliche Lage« aus, und es war eigentlich klar: Das Virus wird uns noch bis weit ins Jahr 2021 beschäftigen. Ich hoffte entsprechend, dass Bund und Kantone nicht den Fehler machen würden, die vorhersehbare Herbst-Welle zu unterschätzen und nach dem Shutdown die Sache schleifen zu lassen. Tjahaha, shame on me. Für mich zeichnete sich ab, dass der April beruflich nicht so der Bringer werden würde – eine »meiner« Zeitungen stellte in Aussicht, bis Ende Jahr auf die Dienste freier Mitarbeitenden zu verzichten. Aber es war nicht alles schlecht in der ersten Welle; mit Projekten wie Toggenburg hilft wollten uhuere viele Menschen ihren Mitmenschen, nun ja, helfen. Und ich arbeitete mich für die Lieblingsbücher-Serie von Thurgaukultur (siehe unten) in Videoschnitt und -Produktion ein. Weiterbildung so zu sagen.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 142, halb so viel wie normal

April 2020

Wie erwartet riss der April ein gehöriges Loch in mein Auftragsbuch – aufgrund der weggebrochenen Werbeeinnahmen schrumpften die Bundumfänge der Zeitungen und damit auch der Platz für Beiträge aus der Region. Einer der wenigen Artikel, die ich machen konnte, führte mich aber zu Nistkästen auf Hochhausdächern in Wattwil, das war toll (Bild). Aber an Event-Berichterstattung, mein eigentliches Hauptgeschäft, war nicht zu denken. Und zu allem Unglück stoppten die meisten meiner PR-Kunden etwaige Medienmeldungen. Oh, well. Ist halt Pandemie, ne? Aber einen Lichtblick gab’s trotzdem – im April begannen Frank Treichler und ich mit der Neuauflage meines Capture-One-Buchs. Gemeinsam haben wir das Dingens komplett umgebaut und für die Version 21 fit gemacht, so voll mit NDA unzo. Im Moment ist das Manuskript im Lektorat, ca. Februar 2021 wird’s erscheinen.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 37. Oops.

Mai 2020

Shutdown vorbei! Nun ja, nicht für alle – Veranstaltungen blieben weiterhin schwierig bis unmöglich. Und auch wenn die Geschäfte öffnen durften und sich bei vielen Toggenburgerinnen und Toggenburger wieder so etwas wie Normalität einstellte, galt das nicht für die Alters- und Pflegeheime, wie ich im Risi Wattwil hautnah miterleben durfte (Bild). Die waren – und sind es wieder – faktisch in einem harten Lockdown. Während spätestens seit Mai Politiker:innen und Lobbyisten wegen »viel zu strengen Maßnahmen« rummoserten, machten die Fachkräfte Pflege und Betreuung weiter ihren Job und versuchten, das Beste aus der Situation zu holen. Dass sie dafür auch heute noch höchstens ein bisserl Applaus bekommen, statt griffige Verbesserungen im Arbeitsalltag, macht mich immer noch wütend.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 40

Juni 2020

Während die einen Corona für beendet erklärten (lol), litt die Eventbranche weiter. Mit einem nationalen Aktionstag bzw. Nacht, der Night of Light, wollten von den Maßnahmen direkt betroffene Betriebe wie das Chössi-Theater (Bild), Künstler:innen, Techniker:innen, aber auch indirekt Betroffene wie Zulieferer und Freiberufler auf die schwierige Situation aufmerksam machen. Aber brachte wenig – Partei- und Politikmenschen schätzen wohl den Anteil am BIP und Jobmarkt der Event-Brache völlig falsch ein. Es gab im Juni ein wenig Hoffnung, dass es im Spätsommer wieder los gehen könnte. Auch in meiner Aargauer Band, LRRH, hielt sich der Optimismus, im August doch noch am Wettiger-Fäscht auftreten zu dürfen. Nun ja. Unsere Bandprobe im Juni sollte zur vorletzten in diesem Jahr werden.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 70

Juli 2020

Der Juli verlief wieder fast »normal«, zumindest beruflich. Ob Mini-Openair in Ebnat-Kappel, Fernwärme-Diskussion in Kirchberg (Bild) oder Vorbericht zur kommenden Wanderausstellung »Freie Republik Bad Hemberg« der Kunsthalle[n] Toggenburg für gleich zwei Publikationen – ein fast normaler Juli. Fast. Denn es zeichnete sich ab, dass die Jazztage im August nicht durchgeführt werden können. Ein weiterer Zeitungsverlag stellte vorsorglich die Zusammenarbeit mit Freiberuflern ein. Man musste immer und überall seine Kontaktdaten hinterlassen. Und privat waren wir bereits im fünften Monat dermaßen auf Massiv-Sozialkontakte-Reduktion, dass es zur Intervention unserer engsten Freunde kam. (Danke, übrigens.) Als dann auch noch Dreizehntel verstarb, nun ja. Bei allem Positiven, das der Juli brachte, schön war er nicht wirklich, und mir schwante Übles für Spätsommer und Herbst.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 189

August 2020

Der August war für mich vielleicht der einschneidendste Monat dieses Jahr. Mag komisch klingen, aber dass die Jazztage Lichtensteig ausgefallen sind, führte bei mir zu einem verschobenen Zeitgefühl. Wir leben erst seit 2015 hier im Städtli, aber ich habe unbewusst begonnen, mein erlebtes Jahr um die Jazztage rum zu strukturieren – fällt das weg, »passen« plötzlich gut fünf Monate nicht mehr in meinen Kopf. Die Wilden Weiber haben am Jazztage-Wochenende stattdessen die »Bunten Tische« veranstaltet (Bild), das hat ein wenig geholfen und verlief dank großer Disziplin aller Gäste und Beteiligten ohne, dass der Tag zum Superspreader-Event mutiert wäre. Aber … ein guter Monat wäre anders gewesen. Und ein Blick auf die Reproduktionszahlen ließ mich wundern, weshalb Bund und Kantone die Sache so locker zu nehmen schienen.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 161 – in einem normalen Jahr wären es über 800 gewesen

September 2020

Im September fielen die eh schon geringen Stützmittel des Kantons für indirekt von den Maßnahmen Betroffene weg. Ich war also angehalten, wieder möglichst alle Aufträge anzunehmen. Das fühlte sich eigenartig an. Einerseits hatte sich bereits im August abgezeichnet, dass es so ab ca. Ende Oktober, November nicht nur mit Fallzahlen, sondern auch auf den Intensivstationen in der Schweiz knallen würde. Aber es gab keine griffigen Einschränkungen, und eine gewisse Müdigkeit (bei den einen) bzw. Leckmichamarsch (bei den anderen) machte sich breit. Ich musste – und konnte, glücklicherweise – fast wie in einem üblichen Jahr arbeiten, vorwiegend im Kulturbereich: Offene Ateliers wie bei Artur Sousa in Lichtensteig (Bild), die Eröffnung der Galerie 1923 in Wattwil oder die Ausrufung der »Freien Republik« in Hemberg seien speziell hervorgehoben. Alles mit Distanz, Lüften, Mund/Nasen-Schutz und so weiter. Ein ungutes Gefühl blieb trotzdem. Denn die Zahlen waren eindeutig.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 189

Oktober 2020

Viele vorausschauende Veranstalter:innen sagten bereits im August und September Events für den Oktober ab, während sich wiederum viele Epidemiolog:innen und interessierte Dritte wunderten, weshalb der Bundesrat und die Kantone ned endlich handeln. Merci allen, die agierten statt reagierten. Denn bereits im August zeigten die Zahlen, dass ohne harte Maßnahmen die Fall- und Todeszahlen hochschnellen würden. Ganz zu schweigen vom Druck auf Pflegende und das Gesundheitswesen. Nun ja. Tja. Tempus fugit. Ich besuchte noch die Proben für den »Bettelmann« des Theatervereins Toggenburg (Bild). Um dann zwei Wochen später eine Reportage darüber zu schreiben, wie viel Aufwand die Absage einer solch großen Produktion verursacht. Spoiler: Sie sagten ab, bevor der Bundesrat reagierte, zeigten sich also weitsichtig. Der Aufwand war aber trotzdem, oder genau deshalb, immens.

Und dann schlich sich langsam der Winter in die Schweiz. Bund und Kantone entschieden sich, die Situation ganz genau zu beobachten.

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November 2020

Viele meiner Bekannten und Arbeitskolleg:innen erkrankten – die meisten zum Glück mit einem milden Verlauf, aber mindestens einer würde bis Dezember daran gestorben sein. Rolf, der Marathonläufer und mehrfache Teilnehmer des Frauenfelders, gab in seinem persönlichen Zieleinlauf alles und verstarb am 19. November noch vor besagtem Zeitungsbesitzer. Ohne Corona, aber mit den wegen Corona-Deppen nötigen Einschränkungen in Sachen »Trauerarbeit«. Danke, Deppen, Eure Ex-Wähler haben sich gemerkt, dass ihr was von »nur eine Grippe« und »wir müssen lockern!« faselten. Und immer noch faselt.

Item. Es zeichnete sich ab, dass die zweite Welle für Familien, Unternehmen und Selbständige im Kultur-, Veranstaltungs- und Gastrobereich härter ausfallen würde, als es die erste tat. Auch, weil ein großer Teil der vielgelobten Frühlings-Solidarität (vulgo Balkon-Klatschen) in der zweiten Welle wegfallen würde. Aber die Politik reagierte: Sie stritt sich über Kompetenzen – »Sache der Kantone« – und darüber, ob wir verlernt hätten, zu sterben, und stellte dann so für Januar, Februar 2021 (vielleicht) breitere Unterstützungsmaßnahmen in Aussicht. Passenderweise war einer der wenigen Aufträge, die ich noch sichern konnte, der Vortrag von Michel Meyer, Ex-Delegierter des IKRK (Bild). »Die menschliche Würde kommt jedem zu«, wie er dort sagte. Vielleicht sollten die von uns gewählten Politiker:innen auch mal zuhören.

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Dezember 2020

Eigentlich wollte ich schon anfangs Jahr eine zusätzliche Band in der Nähe suchen, um öfters live auftreten zu können. Aber yay, Corona. Dann ergab sich im Dezember per Zufall (und via Twitter) doch noch etwas Tolles – neben den beiden Jungbüsis Fauci und Ælfric, natürlich, aber nicht minder wichtig fürs Seelenheil: Ich spiele jetzt Bass bei Scream Therapy. Alles geili Sieche. Und ich freue mich darauf, 2021 (oder 22) mal endlich wieder live abzurocken. 🤘

Gesellschaftlich, politisch und beruflich jedoch war der Dezember eine Kurzfassung des gesamten Jahres 2020. Passenderweise arbeitete ich im Herbst/Winter an gleich drei Beiträgen zu psychiatrischen Themen, unter anderem zum Peers-Pilotprojekt im Tageszentrum Toggenburg des SGHV (Bild). Aber ja, Impf-Spinner und Seuchen-Fans, zahmer Mini-Shutdown, hunderte verschwundene britische Touristen, 80-100 Tote täglich … im Dezember 2020 war die Schweiz nicht das hellste Kerzchen am Corona-Christbaum.

Ich möchte meinen Jahresrückblick aber nicht mit Gefluche, sondern konstruktiv abschließen: Falls Ihr Hilfe braucht, hören Euch in der Schweiz telefonisch (u.a.) Pro Mente Sana unter 0848 800 858 und Die Dargebotene Hand via 143 zu. Beide bieten ebenfalls Beratung über E-Mail an, die 143 auch in einem Chat. Pro Mente Sana kann ich persönlich empfehlen, sie haben mir vor Jahren durch Krisen geholfen.

Godspeed you beautiful human beings. Take care. Be kind. Covid sucks.

Corona-Indikator-Fotos-für-Kunden-Counter: 26

Jahrestotal: 1288

Jahresmittel 2017-19: 5498

… und dann hatte ich plötzlich wieder eine Olympus in der Hand

Vor einem Jahr wechselte ich für meine Reportage-Tätigkeit von Kleinbildsystemen zurück auf µ43. Über die nächsten Wochen möchte ich vom Umstieg berichten, die Vor- und Nachteile im Vergleich zu »Vollformat« diskutieren und auch das eine oder andere Bildli zeigen. Heute: Wetterfestigkeit.

Die Gründe für meinen Wechsel waren vielfältiger Natur, ganz zuoberst jedoch stand die Wetterfestigkeit: Ich mag vielleicht nicht in bzw. an der Nordsee Robben fotografieren oder im (verbleibenden) brasilianischen Tropenwald auf Wanzenjagd gehen, aber an Festivals fliegt Dir schon mal das eine oder andere Bier entgegen – oder es schifft, und Du musst trotzdem Bilder abliefern. Wenn Du einen Auftrag hast, kannst Du nicht sagen »och nö, das Wetter ist mir jetzt doch ein bisserl zu garstig« – Du musst arbeiten.

Schneeregen und Schlamm? Egal.
Schneeregen und Schlamm? Egal. (Dietfurt, 10. Februar 2019)

Entsprechend griff ich anfangs Juli 2018 zu einer Olympus E-M1 Mark II mit Batteriegriff und abgedichteten Objektiven. Vor kurzem hat eine OMD E-M1X (ja, das Ding) die Mark II als Hauptkamera abgelöst. Die Kamera ist noch besser abgedichtet und noch robuster. Man könnte wohl Nägel damit einschlagen oder unter einem Wasserfall campieren, so oder so jedoch etwaigen Schlamm (und Bier) einfach kurz unter der Dusche abwaschen. Und das ganze Geraffel passt locker in eine handliche Umhängetasche.

Eine Domke F-2 als Bereitschaftstasche: E-M1X, E-M1 Mark II mit Batteriegriff, 12-40mm/F2.8, 40-150mm/F2.8, 60mm/F2.8 Makro, 25mm/F1.2 und Kleinkram.
Eine Domke F-2 als Bereitschaftstasche: E-M1X, E-M1 Mark II mit Batteriegriff, 12-40mm/F2.8, 40-150mm/F2.8, 60mm/F2.8 Makro, 25mm/F1.2 und Kleinkram.

Wären meine Ansprüche an Wetterfestigkeit und Robustheit auch von einem Kleinbildsystem befriedigt worden? Natürlich. Bereits eine Nikon D850 ist ordentlich abgedichtet, die Profi-Gehäuse von Canon und Nikon sowieso. Aber dann geht das Geschleppe los, und ganz günstig sind die abgedichteten Objektive auch nicht – ein 70-200mm/F2.8 kostet mit fast 3000 Franken locker das Doppelte des äquivalenten (also für denselben Einsatzbereich gebauten, nicht rechnerisch gleichwertigen) Olympus-Objektivs, die Profi-Bodys ebenfalls fast das Doppelte einer E-M1X. Und eben – die Fototasche wird dann sehr schnell sehr groß und sehr schwer. Muss ich nicht haben.

»Aber Erni, Freistellung! Bokeh! Rauschverhalten!« Ja, ja. Darauf werde ich im nächsten Beitrag eingehen. Wobei, wenn ich so darüber nachdenke, da braucht’s wohl zwei Beiträge zu. Stay tuned.