Der bessere Freund.

Filmriss.

»Alles in Ordnung mit dir, Martin?«

Ich saß im Büro, vor mir kauerte mein Chef. Er hielt mich an den Schultern fest und schaute mir konzentriert in die Augen. Ich strich mir das Haar aus dem Gesicht und wunderte mich darüber, dass meine Hand nass war.

»Ja, alles in Ordnung. Ist etwas?«

Mein Chef schien erleichtert. Dann hustete er. »Nun ja, du bist auf dem Hof im Kreis herumgelaufen und hast dabei gemurmelt. Ich habe dich sicher fünf Minuten beobachtet, aber du gingst immer weiter im Kreis herum, sehr schnell; kein Wunder, dass du jetzt schweißüberströmt bist.« Ich musste feststellen, dass ich tatsächlich klatschnass war. Das Hemd klebte an meinem Oberkörper und die Krawatte hing auch nicht besonders ordentlich.

Mein Chef fuhr fort. »Ich wusste nicht so recht, wie ich reagieren sollte – ob ich dich unterbrechen darf oder nicht. Nach einer Weile fasste ich dann doch deinen Arm und geleitete dich zurück ins Büro. Du hast zwar weiter gemurmelt, aber bist mir wie ein Schaf gefolgt. Die letzten paar Minuten bist du dann einfach so dagesessen und hast mit deiner Hand einen Rhythmus auf deinem Oberschenkel geklopft. Es klang ziemlich kompliziert.« Er lachte.

»Aha.« Es war also wieder geschehen. Na ja, er kannte das schon. Ich hatte Glück – einen so verständnisvollen Arbeitgeber findet man nicht alle Tage.

»Du hast doch heute deinen Termin, oder?«, fragte mich der Chef. »Vielleicht kannst du darüber reden.«

»Danke, ja.« Ich blickte auf meine Uhr. »Ich muss auch gleich los«, sagte ich und erhob mich vom Stuhl. Mein Chef lächelte, klopfte mir auf die Schulter und meinte: »Das wird schon. Ich glaube an dich. Na dann, bis morgen früh!«

Ich bedankte mich, fuhr den PC runter und griff nach meinem Jackett. Ich verließ das Büro und durchquerte den Hof, den ich offenbar gerade eben noch beschritten hatte. Ich konnte mich einfach nicht daran erinnern. Alles, was ich noch wusste, war, dass ich eine nervige Anfrage eines Kunden erhalten hatte und gerade antworten wollte, als mein Chef mich plötzlich an den Schultern packte und mir diese eigenartigen Fragen stellte. Ernst, aber freundlich.

Mist. Ich war gerade mal drei Stunden im Büro gewesen, bis ich den Anfall hatte. Ich arbeitete sowieso nur vier Stunden am Tag, mehr lag einfach nicht drin, aber mindestens diese vier Stunden musste ich doch durchstehen können! Angst kam in mir auf; Angst, nicht mehr funktionieren zu können. Vielleicht in die Klinik zu müssen. Instinktiv rückte ich meine Krawatte gerade.

Ich ging an den Müllcontainern vorbei auf die Quartierstraße, dann weiter zur Tram-Haltestelle. Das Wetter lud zu einem Spaziergang ein, so dass ich an der Station vorbei ging und den Gleisen Richtung See folgte. Mir kamen einige Leute entgegen, die alle schwarze Sonnenbrillen trugen. Ich schüttelte den Kopf.

Filmriss.

Ich stand am Quai, und im Wasser lagen zwei Kreuzfahrtschiffe. Um mich herum viel Trubel; Touristen mit Kameras in den Händen, die »Ah!« sagten, während sie Fotos vom See und den Alpen im Hintergrund schossen.

Wie war ich hier hin gekommen? Ich musste mindestens einen Kilometer gelaufen sein; ein Kilometer, an den ich mich nicht mehr erinnerte. Mir war leicht schwindlig, und die Geräusche erschienen mir abnorm laut. Ich griff nach meinen Zigaretten, ließ eine fallen, hob sie auf, steckte sie mir an. Das war besser. Heute war nicht mein Tag. Doktor Gram würde es sicher »spannend« finden. Ich hustete, zuckte mit den Schultern und machte mich auf, die Quaibrücke zum Bellevue zu überqueren.

Filmriss.

Ein Klingeln – die Straßenbahn kam direkt auf mich zu! Der Fahrer klingelte erneut, ich machte einen Satz auf den Gehsteig. Das Tram fuhr an mir vorbei und der Fahrer zeigte mir den Vogel. Ich grinste und winkte ihm zu.

Ich war bereits am Bellevue angekommen. Noch mehr Leute um mich herum, und ich fühlte mich unbehaglich. Ich musste nur noch zwei Straßen überqueren, und ich würde endlich bei meinem Psychiater sein. Ich richtete mich auf und atmete tief durch. Bald war ich beim richtigen Eingang angekommen (die drei zuvor sahen … irgendwie … unpassend aus) und drückte den Knopf für den Fahrstuhl. Ich summte leise, als sich der Lift hochbewegte.

Ich ging durch die Doppeltür und nahm im Wartezimmer Platz. Ein Piano stand an der Wand, auf einem Tischchen lagen alte Ausgaben des Tagesanzeiger-Magazins. Mir war nicht nach Ablenkung zu Mute, also saß ich da und wartete.

Pünktlich auf die Minute öffnete sich die Tür zum Behandlungszimmer, und mein Arzt bat mich herein. Ich nahm Platz, er tat es mir gleich. Dann setzte er seine Psychiater-Miene auf und wartete darauf, dass ich sprach.

Nach drei Minuten hatte ich genug von der Ruhe. »Heute war ein eigenartiger Tag. Mein Chef meint, dass ich mich in der Rauchpause daneben benommen habe, und auf dem Weg hier her hatte ich ein paar Absenzen.«

Doktor Gram nahm sich Notizen, sagte aber eine Weile nichts. Nach einer gefühlten Ewigkeit unterbrach er das Schweigen. »Wie viel Risperidon nehmen Sie denn jetzt ein, Herr Wenger?«

»Zwei Milligramm täglich«, gab ich umgehend zurück.

»Dann sollten wir vielleicht auf drei Milligramm gehen.« Er nahm sich wieder Notizen, und ich fragte mich, was ich denn hier machte. Sah so eine Therapie aus?

Ich riss mich zusammen. Konnte mich aber doch nicht zurückhalten. »Herr Doktor, ich will doch einfach nur wissen, was mit mir vorgeht. Weshalb diese Blackouts? Weshalb bin ich oft so abwesend und benehme mich … absonderlich?«

Doktor Gram schien nachzudenken. Aber er sagte nichts. Er nahm Notizen.

Filmriss.

»Herr Wenger? Sind Sie wieder da?«

Ich sah mich um, und mein Blick fiel auf die Uhr am Fenster. Es waren fünfzehn Minuten vergangen, seit die Sitzung begonnen hatte. Das war doch nicht möglich!

»War ich weg?«

»Ja. Was haben Sie dabei empfunden?«

Ich dachte nach und ärgerte mich über Grams Nachbohren. »Ich habe nichts empfunden. Ich hatte Ihnen eine Frage gestellt, Sie haben nicht geantwortet, und dann fragten Sie mich plötzlich, ob ich wieder da sei.«

»Ah, Fortschritt!«, stieß Doktor Gram hervor. »Offenbar werden Ihre Anfälle von emotionalem Stress ausgelöst. Getriggert, wie wir sagen. Ich hatte Sie genervt, und Sie sind weggedriftet. Interessant!«

Nicht das erste Mal fragte ich mich, ob das einzige Interesse Doktor Grams an mir darin begründet lag, dass er mich in seinem nächsten Buch thematisieren konnte. Ich wollte ihm so vieles an den Kopf werfen … Dass mein Chef ein besserer Freund war als er, mehr Verständnis zeigte als er. Dass ich seine Stille nicht ertragen konnte, dass ich mir mehr von der Psychotherapie erhoffte, als ständig nur zu reden und Medikamente zu schlucken. Dass ich mich fragte, wie es mit mir – mit uns – weitergehen sollte.

Aber ich lächelte nur, und in Gedanken bei meinem Chef sagte ich sarkastisch: »Wird schon werden. Ich glaube an Sie.«

Die Geschichte entsprang meinem so genannten Real-Life. Nur die Namen der Protagonisten wurden ausgetauscht. Ich lebe mit einer, Zitat, »Erkrankung im Formkreis der Schizophrenie«. Glücklicherweise lebe ich damit gut, die Medikamente konnte ich schon vor vielen Jahren absetzen. Für immer? Da hilft die Kommunikation mit Menschen, die auch zwischen den Zeilen lesen können, zuhören und beobachten mögen – statt mit einem fixen Raster im Kopf herumzurennen – ungemein.

Ich veröffentliche die Story im Rahmen der zweiten Bloggerthementage »Gemeinsam stark«, mit freundlicher Genehmigung der USEGmbH, Berlin, in deren 2009er Anthologie »Entzweiungen und Begegnungen« die Kurzgeschichte ursprünglich erschienen ist. Für 2014 hat die USE einen zweiten Literaturwettbewerb angekündigt.

4 Gedanken zu „Der bessere Freund.

  1. Ellen Tedaldi

    Wow. Ich bin überwältigt. Von deiner Art zu schreiben aber auch davon, wie du etwas erlebst und fühlst. Auch ich habe eine „Diagnose“ und lebe heute sehr gut damit. Vielleicht auch, weil ich mich nicht in Schubladen stecken lasse. Zum Schluss wollte ich dir etwas wünschen, aber alles hört sich so doof an. Alles Gute? Zu schwach. Kopf hoch? Falsch. Viel Kraft? Nein, manchmal ist Schwäche die bessere Variante. Ich hoffe, du weisst, was ich meine. Ellen

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