Progrey Filter-System: Gradient-Filter, der Aufhell-Blitz der Landschaftsfotografie.

Filter. Manche lieben sie, andere hassen sie. Beruflich gehöre ich in die zweite Kategorie, aber da ist ja noch mein Hobby »Landschaftsfotografie«. In einer kurzen Artikel-Reihe beschreibe ich meine Experimente mit dem Progrey Filter-System. Teil 1: Ein bisserl Theorie, so zur Einführung.

Ich höre oft: Wozu braucht man heute noch Filter vorm Objektiv? Man fotografiert eh in einem RAW-Format und kann dann im Anschluss in Capture One oder Lightroom Lichter retten, Schatten hochziehen, die komplette Gradation nach dem eigenen Geschmack anpassen etc. p.p.. Filter sind ein Relikt aus der Analogzeit! Noch dazu stört jedes bisserl Zusatz-Glas vor dem Objektiv; Filter kosten Schärfe und verfärben das Bild!

Darauf antworte ich meistens: ja, aber. Denn inbesondere bei Verlaufsfiltern (»Gradient-Filter«) ist die Sache genau wegen der Digitalfotografiererei nicht ganz so eindeutig.

Vom Dynamikumfang und der Linearität von Sensoren.

Sensoren haben zwei für Fotograf_innen mehr oder weniger unangenehme Eigenschaften: Erstens haben sie einen fixen Dynamikumfang. Ein digitaler Sensor reagiert nicht so gutmütig auf Überbelichtung wie ein Negativstreifen, und Landschaftsaufnahmen, besonders im eher alpinen Umfeld, können den Dynamikumfang schnell sprengen. Aber selbst wenn alle Helligkeitswerte von Schatten bis Spitzlichtern in eine Belichtung passen, kommt die zweite ärgerliche Eigenschaft zum Zuge: Sensoren arbeiten linear.

Vereinfacht gesagt hat der Sensor eine fixe Anzahl Bits für eine Belichtung griffbereit, diese Zahl definiert den Dynamikumfang des Sensors. Nahe an der maximalen Auslastung des Sensor-Pixels steht die volle Bit-Bandbreite zur Verfügung, für die Schatten gibt’s nur wenige Bits. Dazwischen geht es linear hoch bzw. runter.

Wenn ein theoretischer Sensor mit 12 Bit arbeitet, also 4096 unterschiedliche Helligkeitswerte erkennen könnte, stehen für einen Bildbereich mit einer Luminanz von so um die 50 % nur noch 2048 Werte zur Verfügung. Bei 25 % sind es noch 1024. Kurz gesagt – für die hellsten Bereiche hat der Sensor Hubraum satt, aber in den Schatten sieht’s im wahrsten Sinne des Wortes duster aus. Will man jetzt bei einer Szene mit hohem Dynamikumfang sowohl Lichter als auch Schatten wiedergeben, kann es eng werden:

Okay, der Himmel passt, nix ausgebrannt, aber jetzt darf man am Rechner die vergleichsweise wenigen Bit-Informationen in den dunkleren Bereichen »pushen«. Das führt auch mit den besten Algorithmen schnell zu Rauschen, Farbflecken und Streifenbildung in den Schatten und Mitteltönen. Denn anders als bei einer Audio-CD, die sich mit demselben Linearitäts-Problem herumschlägt, kann man nicht mit Noise-Shaping und Oversampling tricksen. Der Sensor hat seinen Dynamikumfang, die Kamera kann nicht wie im Studio von einem viel feineren Signal auf die 12 Bit unseres Beispielsensors runterrechnen. Die Aufnahme geschieht halt mit diesen 12 Bit, roh (engl. »raw«). Und RAW-Entwickler können nicht immer überzeugend Informationen dazurechnen, die im Original-»Signal« (also die Schattenbereiche des Roh-Bildes) gar nicht aufgenommen wurden.

Von Aufnahme- und Ausgabemedien.

Die Linearität ist in der Regel nicht weiters schlimm. Kaum ein Bildschirm könnte heute den vollständigen Dynamikumfang darstellen, der ein Sensor einfängt. Bei Ausbelichtungen und Drucken wird es noch deutlicher – schön, der Sensor kann 14 Blendenstufen aufnehmen, mit HDRi hast Du mit drei Bildern sogar 18 Blendenstufen abgedeckt! Super! Aber selbst bei teurem Fotopapier ist bereits bei rund 6-8 Blendenstufen Schluss. Wer mehr will, bewegt sich schnell in den so genannten »Fine Art«-Bereich und experimentiert mit verschiedenen Trägermedien und Tinten. Oder kramt den alten Diaprojektor samt Rollfilm-Mittelformatkamera aus dem Keller und schmeißt seine Digikamera auf den Müll.

Man muss also als Fotograf_in einerseits mit dem Dynamikumfang einer Szene klar kommen – wie belichten? was ist wichtig? was darf absaufen oder ausbrennen? –, andererseits muss man den Dynamikumfang der Szene auch irgendwie bändigen, damit das Ausgabemedium genau das zeigt, was man eigentlich zeigen wollte.

Besonders kritisch wird es bei der digitalen Schwarzweißfotografie: Was Ansel Adams und andere mit ihrem »Zonen-System« für Film und Papier andachten, stößt bei Sensoren aufs genannte Linearitäts-Problem. Okay, Lichter gerettet, aber die Schattenpartien bieten jetzt dem RAW-Entwickler nur noch vielleicht 4-8 Bit an Informationen. Groß abwedeln geht für Web-Bilder in Ordnung, aber sobald man dann doch bessere Qualität will, wird’s eng. Nur 16 Graustufen für die tiefsten Schatten? Für »Fine Art« zu grob.

Und was ist jetzt mit diesen Filtern?

Gute Filter können hier ungemein nützlich werden. Um bei dem ganzen Dynamikgeraffel zu bleiben – ein solcher Filter reduziert die Dynamik einer Szene, bevor das Licht auf den Sensor trifft, der dann mehr oder weniger gut mit über- oder unterbelichteten Stellen klar kommen soll. Filter komprimieren die Tonwerte, ähnlich, wie man einen Aufhell-Blitz bei Gegenlicht-Aufnahmen verwendet:

Himmel / Sonnenuntergang / Straßenlaterne ist sauhell, die Gesichter im Vergleich dunkel. Belichtet man auf den Himmel / Sonnenuntergang / Straßenlaterne, hat man schwarze Gestalten im Bild. Belichtet man auf die Gesichter, sind die zwar schön anzusehen (hoffentlich), aber dafür ist der Himmel / Sonnenuntergang / Straßenlaterne komplett ausgebrannt. Aufhell-Blitz an, Problem gelöst.

Dieselbe Aufgabe erfüllen Gradient-Filter in der Landschaftsfotografie: der Dynamikumfang der Szene wird fürs Aufnahmemedium nutzbar. Noch dazu kann man das digitale Linearitäts-Problem umschiffen: Dynamikumfang der Szene passt mit dem abgedunkelten Himmel locker »in« den Sensor? Gut, dann kann man auch so weit überbelichten, bis das Histogramm rechts anschlägt (»Expose to the right«). Womit dann für die dunkleren Töne statt den oben beispielhaft genannten 16 Abstufungen plötzlich 32, 64 oder 128 zur Verfügung stehen bzw. vom Sensor »gesehen« werden. Wieder: Man wird den Unterschied in den meisten Alltags-Fotografie-Situationen nicht wirklich erkennen. Aber insbesondere in der digitalen Schwarzweißfotografie? Oder gar Fine-Art? Nur immer her damit!

Lynn Radeka von Progrey USA wollte wissen, ob ich deren Filter-System supi oder doof finde. Also schickte er mir ein großes Paket mit Filtern und Haltern in die Schweiz. Dieser Artikel ist der erste einer kurzen Reihe von Texten darüber, weshalb ich als beruflicher Nicht-Filter-Nutzer dennoch daran interessiert war, wie ich mit dem System umgehe – und für wen sich das Filter-System lohnt, weniger lohnt, oder gar ein absolutes MUSS darstellen könnte.

Ein Gedanke zu „Progrey Filter-System: Gradient-Filter, der Aufhell-Blitz der Landschaftsfotografie.“

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