GTD: Getting Text Done, oder auch nicht.

David Allens Konzept von „Getting things done“ klingt einleuchtend. In Kurz: Sie haben einen Haufen Mist, der geführt werden muss. Unterteilen Sie den Mist in kleine, mistgabelgroße Haufen. Ignorieren Sie den Mist, den Sie jetzt nicht führen können. Dann wird das schon. So wie Herakles im Augias-Stall: Baby-Steps!

Aber funktioniert dieser Ansatz im Texter-Umfeld? Ich sage: Nein. Mit der Überzeugung von jemandem, der seine alten Anzüge aus Vernunft lieber ändern lässt statt neu zu kaufen. Und aus einem gewissen Missfallen, meine Kunden und deren Projekte mit Misthaufen gleichzustellen.

Du irrst! Natürlich ist GTD Die Wahrheit™, das gilt auch für Texter!

Das Problem, das wir freischaffenden Texter haben, ist schnell beschrieben: Material und die Geschwindigkeit der aktuellen Kommunikationsformen verunmöglichen eine selbstzentrierte Arbeitsweise.

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Von Lektorat, Textredaktion und Schweinefleisch.

Gibt es einen Unterschied zwischen Lektorat und dem, was sich gerne „Textredaktion“ nennt? Die Antwort ist ja, aber auch nein. Das Lektorat redigiert, aber die Textredaktion lektoriert nicht. Oder nicht immer.

Aber Lektorat ist doch Redaktion!

Korrekt. Ein Redakteur lektoriert Texte: Er passt vorliegendes Material, oft von Journalisten oder P.R.-Textern, an die Gepflogenheiten und Anforderungen eines Mediums an. Oder verschwurbelt den Hirnabfall der Autoren gemäß der Zielrichtung eines Herausgebers. So wie der Chefkoch die Idee des Küchenjungen, Mango mit Schweinefilet zu kombinieren, überarbeitet, damit es zur Speisekarte des spezifischen Restaurants passt. Vielleicht, weil man in einem Halal-Lokal arbeitet und Schwein nicht serviert werden darf. Also adaptiert man das Rezept für Rind oder Lamm.

Oder den Broschürentext für Twitter und die Firmenwebsite.

Der Lektor jedoch: Er erarbeitet mit dem Autor zusammen das bestmögliche Produkt fürs angezielte Medium. Der Küchenjunge bekommt nicht ob seines religiösen Unwissens die Kelle um die Ohren geschlagen, sondern erklärt: Hier fehlt Salz. Schwein ist ein guter Ansatz, aber: Es fehlt Salz! Und überhaupt, Mango zu Schwein? Das beißt sich sowohl mit der Vorspeise als auch dem Sorbet am Ende des Menüs. Würde hier Geflügel nicht besser zum Hauptgang passen? Unsere Kunden mögen eh lieber Champagner und Weißwein, dann können wir uns den Bordeaux im Keller sparen.

Lektoren wird oft ein höheres Ziel angedichtet: Es gehe um Literatur, um Das Einzig Richtige, in Großbuchstaben. Das, was korrekt, nachvollziehbar und angemessen ist. Der Redakteur jedoch arbeite rein auf den Markt hin: Halal schließt Schweinefleisch aus, Punkt. Um den Rotwein kümmert er sich nicht weiters, das Schwein ist sein Problem. Kurzsichtiger Junge, dieser Redakteur!

Tatsächlich jedoch sind die Grenzen unscharf – der Lektor arbeitet für einen Verlag, also ein Unternehmen. Zumindest jedoch in der Hoffnung, dass der überarbeitete Text seinen gewerblichen Abnehmer finden wird. In Stil, Tonalität, Inhalt und Form muss es passen. Rotwein zu Hühnchen ist auch hier grenzwertig. Im übertragenen Sinne: Die Story passt zum Feminismus-Verlag, mach einfach aus dem Protagonisten eine Frau. Während der Redakteur dafür zu sorgen hat, dass eine Agenturmeldung oder ein Credo nicht der restlichen Firmenkommunikation widerspricht. Oder nicht das Konzept einer Zeitung, eines Magazins oder einer Anthologie ad absurdum führt.

Also gibt es keinen Unterschied zwischen Lektoren und Redakteuren?

Doch, einen Unterschied gibt es: Der Lektor gilt als Schöngeist, der sich an Details stört. Der Redakteur als (mehr oder weniger) knallharter Marketing-Profi. Beide jedoch haben den Markt im Auge, beide erledigen faktisch dieselbe Arbeit. Aber der eine wird spätestens seit Mad Men als Zyniker wahrgenommen, der andere wird von Jungautoren zum Demigott erhoben, dem Herrn über die persönliche, berufliche und finanzielle Zukunft.

Schon lustig, wie Visitenkarten die Wahrnehmung verändern können, nicht?

Existenzgründung Texterei – Swiss Edition.

Noch immer erreichen mich Mails und Tweets betreffend der Selbständigkeit eines freien Textarbeiters. Ich habe die Sache zwar bereits 2008 abgehandelt, allerdings mit dem Fokus auf deutsche Verhältnisse. Jetzt, zurück in der Umarmung der Confoederatio Helvetica, ist es an der Zeit, diesen Misstand zu bereinigen. Der Artikel wird recht bürokratisch, halten Sie also Bier und Zigaretten griffbereit.

Also: Wie macht man sich als Tippsler in der Schweiz selbständig?

Soll die Selbständigkeit den Kühlschrank füllen, gehört eine ehrliche Betrachtung der Umstände und Fähigkeiten an erste Stelle. Als Einzelkämpfer braucht man nicht gleich einen Business-Plan. Allerdings schadet es auch nicht, wenn man sich die Mühe macht, so ein Papier zu erarbeiten. Es muss ja nicht gleich finanzkräftige Investoren überzeugen! Diskutieren Sie insbesondere die folgenden Fragen:

  • Kann ich mich im persönlichen Gespräch als idealen Problemlöser darstellen? Weshalb?
  • Bin ich überhaupt nur schon selbstsicher genug, von Angesicht zu Angesicht mit echten, realen Menschen zu verhandeln? E-Mail zählt nicht.
  • Habe ich ausreichende Reserven, um auch mal zwei, drei Monate ohne einen einzigen Auftrag über die Runden zu kommen?
  • Bin ich mir sicher, nach besagten drei Monaten bei Wasser und Brot noch schöpferische Energie in mir zu tragen? Mehr als genug Energie, den zufällig reingeflatterten Großauftrag zu stemmen?
  • Was halten Partner, Kinder und Miezekatze von der Idee, dass ich gegebenenfalls tagelang nicht ansprechbar bin und erst nach Mitternacht ins Bett falle?
  • Habe ich ein Problem damit, die nächsten drei, vier Jahre keine freien Wochenenden und keinen Urlaub zu haben? Also, sofern es läuft, ansonsten erübrigt sich die Diskussion sowieso.
  • A propos „laufen“ — wie sieht die Konkurrenzsituation aus? Gibt es überhaupt einen (über-)regionalen Markt für meine Arbeit?

Hegen Sie bereits nach diesen sieben Fragen Zweifel an der Durchführbarkeit Ihres Unterfangens, legen Sie Ihren Stift beiseite und besuchen Sie ein Job-Portal. Agenturleben wäre hier der bessere Schritt in den Beruf. Aber bleiben wir mal positiv, ja? War ja gerade erst Weihnachten.

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Agenturen und Freelancer, oder die Sache mit dem Material, Teil 2.

Oft wird man als Texter auch von Agenturen angegangen, die ein Projekt nicht allein stemmen können. Das ist nicht weiters schlimm, immerhin verkauft sich ein Haufen Textarbeiter als „Kommunikationsexperten“. Nicht schlimm, so lange der Kunde vernünftiges Ausgangsmaterial liefert oder kreative Höhenflüge nicht gleich per se verbietet. Weil sonst die P.R.-Verantwortliche in den Hungerstreik tritt oder die Rechtsabteilung bittere Tränen weint und einen Haufen potentieller Raubmordkopierer vor den Kadi zerren muss, um die Firma im Auge der Öffentlichkeit vorteilhaft zu positionieren.

Wie bereits in der allerersten Kolumne besprochen stellt sich immer die Frage nach dem Material. In meinem heutigen Beitrag erweitert sich die Perspektive um den Faktor „Agentur“: Diese nimmt dem Kreativen Kommunikationskram ab, der Schreiberling gibt einen Rabatt, und alle sind glücklich. Aber z’Füüferli und zWäggli sind im Freelancer-Umfeld nur mit masochistischen Tendenzen seitens der Texterin, mit ruchlosen Kunden oder einer hirnamputierten Zuschauerschaft möglich.

Hirnamputiert? Geht’s noch???

Tschuldigung. Ich habe mich zu dem Thema (sogar auf Englisch!) ausgekotzt, hier will ich ein wenig nüchterner bleiben. Oder mahnender, Zeigefinger-hochhaltender. Denn es ist klar: Entweder, Agentur und Kundin vertrauen den Kreativen und lassen sie das machen, wofür man sie umworben hat. Oder der Kunde liefert selbst interessante Inhalte, die aufgewertet werden sollen. Aber in keinem Fall sollte man vom Rand des Fußballfeldes mit vergifteten Pfeilen auf die Spieler schießen. Das mag oft in der Agenturisten-Natur liegen und auf Außenstehende recht drollig wirken, aber damit verärgert man die freien Mitarbeiter und zeigt sich als planlosen Zombie der Gewinnmaximierung. Während sich das nicht-lobotomisierte Publikum fragt, was die bereits x-Mal gesehenen Inhalte bewirken sollen.

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In München steht ein Hofbräuhaus. Eins, zwei, gsuffa.

Keine Bange, schon sehr bald wird es in Sachen Texterei weitergehen. Ich habe nach meiner Rückkehr in die Schweiz genug erlebt, um darüber ein halbes Dutzend Glossen zu schreiben. Aber nicht heute.

Nein, heute beschäftigen wir uns mit einem Aspekt des Schriftstellerdaseins. Einem wichtigen Aspekt. Einem, der immer wieder vergessen geht. Einem Aspekt, den auch ich übersehen habe.

Ja ja, wir haben es kapiert. Worum geht’s denn überhaupt?

Lesungen. Enttäuscht?

Ja, schon ein bisserl.

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