Ich glaube!, oder die Sache mit dem Material, Teil 1.

Was macht man als Texter, wenn man a) nur telephonisch und per E-Mail mit dem Kunden kommunizieren kann und b) für den Re-Launch einer Website einen ellenlangen Text zum Thema „Unser Credo“ schreiben soll?

Klar, man verlangt nach Material. (Und plant in der Offerte 15 % extra für die ganzen Telephonkosten ein, denn die werden garantiert anfallen.) Als da wären:

  • Das frühere „Credo“. Denn, eine Firma ändert selten ihre Ansichten radikal, da kann man darauf aufbauen. Verbessern statt verwerfen.
  • Stichwörter zum neuen „Credo“. Was hat sich geändert? Was ist neu? Was fällt weg? Weshalb?

Übrigens: Man verkneife es sich tunlichst, den Kunden darauf hinzuweisen, dass „Glaubensbekenntnisse“ auf einer Website spätestens seit dem Platzen der New-Economy-Blase nichts verloren haben. Außer vielleicht, wenn man für den Vatikan arbeitet. Dass man die Informationen eventuell besser unter „Wer wir sind“ oder „Für was wir stehen“ ablegt. „Manifest“, vielleicht. Egal. Ich schweife ab.

  • Den Rest der neuen Website, damit man vergleichen kann und sich nicht unnötig wiederholt oder einen total unpassenden Text abliefert. Falls der Rest noch nicht steht, die Kontaktdaten des betreffenden Texters zwecks Koordination.
  • Leseproben des aktuellen Marketing-Materials. So viel wie möglich. Gerne auch den einen oder anderen Geschäftsbrief oder die eine oder andere Offerte.

Weshalb hebe ich den letzten Punkt so hervor? Tonalität und Register, deswegen. Wenn der Schreiberling keine Ahnung hat, wie das Unternehmen seinen Kunden gegenübertritt, wie soll er dann einen passenden Text fabrizieren können? Ein Text, der nicht wie ein Fremdkörper im gesamten Marketing-Mix sitzt?

Extrembeispiel – ich hatte den Fall einer Firma, die ihre Kunden grundsätzlich duzte. So ähnlich wie IKEA. Was ich allerdings erst im Anschluss erfahren habe, weil mir der Kunde keine Leseproben geben wollte.

Das kennen Sie vielleicht: „Das alte Material ist Mist, das geben wir nicht mehr raus, lass dich davon nicht beeinflussen … Nein, die neue Website steht noch nicht, da kannst du auch nicht nachsehen … Was wir gerne hätten, so vom Ton her? Na ja, wir hätten es gerne etwas freakig, ja nicht zu normal, jugendlich-frisch …“

Nun ja. Die Texte gingen gefühlt 666x hin und her, bis der Kunde sein Okay gab. Nicht wegen des Dus, das habe ich schnell kapiert. Aber Tonalität geht ja noch weiter. Zum Beispiel, ob man „das habe ich schnell kapiert“ oder „das verstand ich schon bald“ schreibt.

Also: Wenn man einen Text schreiben oder überarbeiten soll, der Teil eines Gesamtkonzepts darstellt, ist es unabdingbar, dass Leseproben vom Rest vorliegen. Oder vom alten Zeug – wenn das Alte so schlecht war will der Texter vielleicht die früheren Fehler vermeiden? Das betrifft nicht nur die ganzen Credo-Sachen, sondern so ziemlich jeden Text, der Teil eines Ganzen sein soll.

Und wenn ein CI oder CD besteht, wäre es auch nett, das Dingens dem Texter in die Hand zu drücken. Ich sage nur: „Wir schreiben schweizerisch / wir schreiben mit ß / wir schreiben alte Rechtschreibung / wir schreiben reformierte Rechtschreibung“. Auf solche Nachfragen bekommt man meistens Antwort. Leider sieht diese oft so aus: „Oh, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht …“

Vielleicht sollte ich mal einen Fragebogen für Neukunden entwerfen. Aber echt.

Dieser Artikel erschien erstmalig am 5. September 2008 im Forum der Schreibszene Schweiz.

3 Gedanken zu „Ich glaube!, oder die Sache mit dem Material, Teil 1.“

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