Heimgehen ist nicht so einfach.

Januar 2014. Ich glaube, es war ein Beitrag im Schweizer Fernsehen, über die »Judendörfer« Lengnau und Endingen, der mich dazu bewog, heimzukehren. Und es tat weh.

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Nach meiner Geburt im Jahr 1975 hielten es meine Eltern zwei Jahre in Wettingen aus, dann zog es sie aufs Land. Lengnau. Wir lebten über einer Kneipe namens »Rössli«, meine ersten Erinnerungen beinhalten das sonntägliche Fendant-Hochholen für meinen Vater und seine Freunde. So oder so, ich verließ das Dorf erst als ich die 20 schon überschritten hatte, feierte anschließend Weihnachten bei meiner Mutter und mit der Dorfjugend in der »Post«, ansonsten hatte ich mit Lengnau nicht viel am Hut. Das letzte Mal war ich in Lengnau, als Mutter beigesetzt wurde. Das ist fast ein Jahrzehnt her, und ich sah damals nur die Bushaltestelle, das Café in der »Zentrum Schmitte«, und den Friedhof. Aber nicht die Heimat. Die Heimat meiner Kindheit.

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Aber besagter SRF-Beitrag hatte mich getriggert: Ich wollte zurückkehren. Und sei es auch nur für ein paar Stunden. Bepackt mit Analogkameras (Digiknipsen gab’s damals noch nicht, wären also nicht angebracht gewesen) machte ich mich auf. Ich war überrascht, bereits auf meinem alten Schulweg zwischen der Kantonsschule Baden und Lengnau hatte ich einen Adrenalinschub. Ich wurde sentimental, aber fühlte mich auch bedrückt. Weshalb bloß?

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In Lengnau traf mich der Schlag. Das damals so vitale Dorf, mit Bäckerei, x Kneipen, Läden und gefühlt unzähligen Kindern auf den Straßen war … tot. Selbst der Metzg hatte aufgegeben, vor den mit Packpapier verklebten Fenstern prangte die Werbung eines Nagelstudios. Coming soon!

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Ich machte mich auf meine alte Runde. Keine Menschenseele. Keine Kinder. Nichts. Die Synagoge sah aus wie zugebombt. Zwischen den mir vertrauten Häusern machten sich Betonklötze breit. Aber es war rein gar niemand da. Keine Kinder. Keine Erwachsenen. Keine Bauern. Nichts. Das Dorf wirkte wie eine Geisterstadt. Oder eher, wie ein Geisterdorf.

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Hinter unserem alten Haus, dem »Rössli«, stand ein neuer Jaguar. Das Haus jedoch hatte schon bessere Tage gesehen. Die Front frisch, der Rest verfallen. Gegenüber noch immer derselbe Anstrich des Coiffeursalons Bürgler wie zu meiner Kindheit, mit seinen Lettern aus einem 70er Pornofilm. Lebt Bürgler überhaupt noch?

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Die Hügel, wo ich früher mit Decke und Buch meine freien Nachmittage verbrachte, waren mit Einfamilienhäuschen zugepflastert. Alle mit hohem Zaun, dem obligaten Trampolin oder Basketball-Korb, aber keine Menschen. Das israelitische Altersheim, in dem meine Mutter gearbeitet hatte, hatte eine Kunstguss-Kuh in den Vorgarten und ein »frisches« Branding bekommen. Die Bushaltestelle stand schief, die von Schülern bemalte Unterführung war mit grenzwertigem Graffiti verziert.

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Aber … die lockere Strebe im Zaun um das re-brandete Altersheim war noch immer locker, nur mit etwas Draht notdürftig gesichert. Ich stellte mir vor, wie sich Kinder auch heute noch auf die eingezäunte Wiese stahlen um ihren Spielen nachzugehen, und wie der Hausmeister des Altersheims zwar mit zorniger Faust drohte, aber dennoch nichts unternahm, als die Lücke mit dem drahtigen Notbehelf zu sichern. Vielleicht lächelte er dabei.

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Ich wünsche mir das. Echt. Aber an diesem Tag im frühen Januar fühlte ich nur Bedrückung, nur Tod. Stirbt Lengnau? Stirbt das Dorfleben? Stirbt damit meine Kindheit? So weit will ich nicht gehen. Aber müsste es vielleicht.

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