Eine Frage des Stils.

Einige treue Leser werden sich wohl mittlerweile fragen, wann denn nun endlich etwas über die Kombination Schriftsteller/Texter kommt. Waren doch die anderen Artikel eher allgemein-texterlicher (sic) Natur. Nun denn, ich will heute eines der Hauptprobleme ansprechen, das einen Autor erwartet, der zwischendurch als Texter arbeiten möchte: Die Sache mit dem Stil. Aber ich höre Sie schon fragen:

Stil? Weshalb ist das ein Problem?

Ganz einfach: Von einem Schriftsteller wird erwartet, dass er oder sie die eigene Stimme findet. Den eigenen Stil entdeckt und pflegt. Dass man nicht nur so schreibt wie eine Vorschul-Version von Stephen King. Viele Autoren sind stolz darauf, dass sie genau so schreiben, wie sie schreiben, und von Lesern auch wiedererkannt werden.

Und genau das ist im Normalfall bei einem Texter unerwünscht.

Ein Texter kann sich, wie schon an anderer Stelle erwähnt, natürlich auf gewisse Branchen konzentrieren. Was mit sich bringt, dass auch gewisse sprachliche Konventionen eingehalten werden. Wer Spielzeugwerbung textet, wird automatisch einen anderen Stil benötigen, als wenn jemand Geschäftsbriefe als Ghostwriter verfasst. Okay, vielleicht nicht, wenn er für MacDonalds schreibt. So weit, so gut.

Aber wie ebenfalls schon gesagt sollten Texter auch etwas flexibel bleiben. Vielleicht mal in einer anderen Branche arbeiten, andere Kunden gewinnen. Ganz ehrlich, die wenigsten Texter können sich die Kunden frei aussuchen. Dann wird halt für die erzkonservative Bank geschrieben, ein anderes Mal für eine junge Webagentur.

Ich glaube, Sie sehen, worauf ich hinaus will.

Ein Texter muss sich stilistisch und von der Tonalität her an den Auftraggeber anpassen. Im Idealfall schreibt er genau so, wie der Kunde bereits kommuniziert. Oder er berät den Kunden in Sachen Kommunikation (weswegen sich einige freischaffende Texter gerne etwas hochtrabend „Kommunikationsberater“ nennen). Die Texterin hat die Aufgabe, den bestmöglichen Stil für den Auftraggeber zu finden und natürlich auch umzusetzen. Das Ego muss sie hintanstellen. Was nicht immer ganz einfach ist:

Wer im Hauptberuf Film-Noir-Krimis schreibt und bereits fünfunddreißig Geschichten in einem Heftroman-Verlag veröffentlicht hat, wird sich überwinden müssen, dann plötzlich einen seriösen Stil für eine Hutfabrik zu finden. Es sei denn, die Fabrik produziert ausschließlich Fedoras, aber ich schweife ab. Nicht gerade wenige Schriftsteller könnte man etwas gemein als Egomanen bezeichnen. Ich bin davon auch nicht gefeit, gebe ich gerne zu. Man will halt sein Ding durchziehen, seinen Text schreiben, seine Sprache pflegen, seine Ideen präsentieren. Und bekommt schon Pusteln im Gesicht, wenn ein Lektor etwas ändern möchte. Als Texter kann man sich das nur sehr selten leisten.

Leisten kann man es sich zum Beispiel dann, wenn man den anderen Weg geht: Sie machen sich mit Ihrem individuellen Stil einen Namen, so dass die Kunden Sie genau deswegen angehen.

Nicht viele Texter können diesen Weg gehen, respektive auch davon leben. Dazu braucht man schon so etwas wie einen Ruf, oder eine wirklich gute Schreibe. Und ein gesundes Selbstbewusstsein. Entsprechend kommen viele, hmm, Anderswegtexter aus der Schriftstellerszene. Ich sage nur Bertold Brecht und Robert Gernhardt. Solche „Texter“ wurden nicht gewählt, weil sie superflexibel sind, sondern weil sich der Auftraggeber sagte: Der passt. Weil halt vielleicht der inhärente Sarkasmus, die Poesie, der Tonfall perfekt das Unternehmen und die Kampagne ergänzten. So ähnlich, wie damals bei diesen dämlichen „Parisienne”-Kinowerbungen, wo verschiedene bekannte Regisseure Zigaretten verkaufen sollten.

Texter, die nur so nebenbei texten, haben es leichter, diesen zweiten Weg zu gehen. Sie können sich die Kunden eben doch oft aussuchen und dann auch sagen: „Nö, hab ich keinen Bock drauf, mich zu verstellen; entweder, Dir passt meine Fresse oder dann halt nicht.“ Natürlich etwas diplomatischer ausgedrückt.

Agentur-Texter dürfen sich diesen Luxus jedoch nicht leisten. Die müssen stilistisch flexibel sein. Arme Schweine. Aber auch die meisten Freischaffenden sind von der geforderten Flexibilität betroffen. Wer also beim Begriff „Freier Texter“ Assoziationen zur Prostitution spürt, hat nicht nur eine schmutzige Phantasie, sondern eventuell gar nicht so unrecht.

Dieser Artikel erschien erstmalig am 10. Oktober 2008 im Forum der Schreibszene Schweiz.

2 Gedanken zu „Eine Frage des Stils.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.