Bereits im Vorfeld zeichnete sich ab, dass meine Familie sich nicht sonderlich in Weihnachtsstimmung befand. Mit dem Brauch, sich gegenseitig Geschenke zu machen, brachen wir schon letztes Jahr. 2004 kam dann der nächste Schritt in der Dekonstruktion des Weihnachtsfestes: Statt an Heiligabend trafen wir uns am ersten Weihnachtstag, zu Mittag. Das Mittagessen bestand aus Brötchen und Aufschnitt. Mehr muss ich zu dem Thema wohl nicht sagen.
Die Gespräche würden Bände füllen, wären's nicht so repetitiv und vorhersehbar gewesen. Wie läft's im Job? Wir hatten Pech mit dem Wetter, nicht? Wie war das Theaterstück? Wie geht's mit den Medikamenten? (Sowohl meine Mutter als auch ich müssen zur Zeit Arzneien konsumieren wie andere Leute Gummibärchen.) Die magere Gedankenkost brachte mich den Tränen nahe. Glücklicherweise stand aber noch ein Spaziergang an.
Auch wenn wir nur kurze Zeit unterwegs waren — man wird ja auch nicht jünger, und so ein Hügelchen kann doch anstrengen, nicht wahr? — hatte es sich dennoch gelohnt. Zwei Gründe: Die Natur um meinen ehemaligen Wohnort war atemberaubend (nein, ich spreche nicht vom Aufstieg aufs Hügelchen) und das Wetter in meinen Augen perfekt. Dramatische Wolkenkulissen, wie man sie eigentlich an Ostern erwarten würde, liessen mich erst die Ironie unserer Familienweihnachten erkennen. Der zweite Grund war Sepp der Zerstörer und seine kinderfressenden Pferde.
Sepp der Zerstörer wohnt mit seinen genmanipulierten Reittieren in einem kleinen, unbenannten Dorf in den Bergen. Gras ist rar, aber die inzestuösen Bauerfamilien sorgen für stetigen Nachschub an Kindern. Was lag also näher, als dass Sepp der Zerstörer in mitternächtlicher Feinarbeit mit Pipette und Pferdesperma das ideale Nutztier für die Gegend züchtete? Da jedoch auch die fleissigsten Inzüchtler dem Rhythmus der Natur zu folgen haben und es daher gerne auch mal zu einigen Monaten ohne frisches Futter kommen kann, ernähren sich die Pferde in Notzeiten auch von süssen Kätzchen und im Winter von bambigleichen Rehkitzen. Aber dennoch: Nichts erfreut Sepp den Zerstörer mehr, als wenn er zusehen kann, wie seine Pferde hinter Scheunentoren und Hausecken auf der Lauer liegen und sich mit lautem Gewieher auf die infantile Population des Bergdorfes stürzen. Dann ist er glücklich. Und die Pferde auch.
Falls der letzte Absatz nicht gerade viel Sinn ergeben haben sollte: Diese Geschichte erfanden meine Schwester und ich auf dem Rückweg zu Mutters warmer Wohnung. Im Nieselregen wunderten wir uns, wie es wohl um die geschlechtliche Fortpflanzung in abgelegenen Dorfweilern liegen möge, und ob man die Endprodukte nicht anders als zur Erweiterung der Arbeitskraft einsetzen könne. Man darf aus dieser Geschichte zwei Sachen herauslesen: Meine Schwester und ich sind uns ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheinen mag; und Weihnachten hat einen eher geringen Stellenwert in unserer Familie.
Die Scharade fand dann bei Kaffee und Kuchen ein jähes Ende, was ich nur retrospektiv bedauere. Nach dem dritten Bissen Schoko-Kuchen wünschte ich mir nichts sehnlicher, als im Regen eineinhalb Stunden heim zu laufen. Gesagt, getan — und wieder ein Weihnachtsfest überstanden.
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