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Satan spielt Saxophon

Geschichten vom Zivilschutz, der Tragödie zweiter Teil.

(22-oct-04.rb) Ich durfte im Oktober zwei Tage Zivilschutzdienst leisten. Klingt schlimm? Ist es nicht. Eher ... interessant. Aber lesen Sie selbst.

Der Höhepunkt des zweiten Zivilschutztages und offenbar im Leben der "Bewohner": Die Unterhaltungs-Veranstaltung, organisiert von der Zivilschutzorganisation. Das Programm: Ein Welsch-Schweizer, der unter dem Namen "Magic Pierre" Ballone verknotet sowie Kartentricks vorführt, und Satan. OK, Satan trat inkognito auf, aber seine Identität konnte leicht erkannt werden. Auf dem Kopf schütteres Haar, kaschiert von einem Sennenkäppi mit Schweizerkreuz, in der Hand seinen goldenen Zauberstab der Zerstörung, getarnt als billiges Saxophon. Offensichtlich hat Satan erkannt, dass kein Mensch im Vollbesitz seiner oder ihrer geistigen Fähigkeiten freiwillig des Teufels Musik Gehör schenken würde, also tingelt und tangelt er in seiner traurigen Verkleidung von Altersheim zu Alterheim. Der Grund für dieses Billing scheint klar: Das Publikum kann mangels Mobilität nicht flüchten.

Nachdem ich mein schmerzendes Gehirn mit zwei Zigaretten ruhig gestellt hatte und zur Folterkammer — pardon, in die Aula — zurückkehrte, begegnete ich einer ganzen Reihe von "Bewohnern", welche ebenfalls vor der infernalischen Musik flüchteten und ihren Tod mit exzessivem Nikotinkonsum zu beschleunigen wünschten. Für die Zurückgebliebenen kam jede Hilfe zu spät. Begleitet von einem Schwiizerörgeli-spielenden Dämon mit schlechten Zähnen beschwor Satan mit seinem verstimmten Zauberstab die Mächte der Musikhölle. Ich möchte nicht ins Detail gehen, weil mir sonst beim Schreiben die Zigaretten und das Morphium ausgehen werden, aber die geneigte Leserschaft glaube mir, es war grausam. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass ein grosser Teil der Opfer bereits transformiert wurde: Der vielstimmige, rollstuhlbewehrte Zombiechor summte und gurgelte (in seltenen Fällen war auch Gesang zu vernehmen) im Takt und dem ungefähren Melodieverlauf der Kakophonie. Kein Lovecraft, kein Barker, kein Dieter Bohlen könnte sich eine schrecklichere Gehörattacke ausdenken als was ich da erleben durfte.

Ich weiss nicht, was mich mehr schockierte: Das Musikmassaker oder die Tatsache, dass alte Leute sich freiwillig solchen Torturen aussetzen, einfach weil es marginal weniger langweilig ist als einen Tag lang die Rauhfasertapete anzustarren. So oder so: Ich habe die Hölle gesehen, und es war nicht schön. Wenn noch wer einen Grund für seinen Freitod sucht, so wende er sich ans nächstgelegene Alters- und Pflegeheim, wo Satan mit den senilen Verdammten musiziert. Der Suchende wird mit einem Schreikrampf, blutenden Ohren und eventuell sogar mit einem verknoteten Ballon-Pudel belohnt werden.

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