«Was für ein Scheissjob,» denkt sich Claudia S., Apothekar-Gehilfin aus Töngen am Zürichsee. «Ich hasse Nachtschicht. Man steht sich die Beine in den Bauch und kann sich nicht mal für eine kurze Zigarette verabschieden – es könnte sich ja doch ein schwerkranker Patient mit letzter Kraft in die Apotheke schleppen. Einfach nur Scheisse.» – «Entschuldigen Sie bitte,» unterbricht eine heisere Stimme Claudias vormitternächtliche Selbstbemitleidung. Eine gedungene Gestalt steht ihr gegenüber. Heute ist sie das erste mal in ihrer Karriere froh, dass ein massiver Tresen sie von den Kunden trennt. Claudia zwingt sich ein Lächeln auf, meidet aber jeden Blickkontakt. Die Person öffnet mit einem rasselndem Husten den knielangen, schäbigen Mantel. Claudia nimmt vorsichtig einen Schritt zurück.
«Ich sollte das hier haben,» krächzt der Mann – keine Frau würde einen so geschmackvollen Anzug unter einem solch schäbigen Mantel verstecken – und kramt in den Innentaschen des Mantels. Claudia schluckt leer und kann sich ein nervöses Kichern nicht verkneifen. Ihre rechte Hand tastet ohne ihr direktes Zutun nach dem Panik-Knopf, der die Polizei alarmieren wird. «Ah, hier ist es ja. Das hier, aber bitte vorerst nur eine Packung. Der Arzt meinte, man müsse zuerst prüfen, wie das Medikament anschlägt.» Der Mann schiebt ein Rezept über den Tresen. Claudia nimmt das Rezept entgegen, als wäre das Papier vergiftet. Ihre Augen weiten sich, und sie schaut dem Mann endlich direkt ins Gesicht. Schnurrbart und Kinnbehaarung rahmen zu rote Lippen ein, ein Dreitagebart verunstaltet die Wangen, und Haar wie Schlangen drückt unter der grauen Mütze hervor. Für einen Moment wundert sich Claudia, wo der Penner den Anzug geklaut hat. Dann erinnert sie sich an das Rezept. «Das wird einen Moment dauern. Haben Sie Ihren Versicherungsausweis dabei?» Der Mann fummelt in seinem Jackett nach der Brieftasche und legt die Kundenkarte der Krankenkasse auf den Tisch. Claudia greift nach dem Stück Plastik und eilt hinter die Regale.
Claudia schüttelt den Kopf. «Mädchen, Du solltest nicht so viel auf Äusserlichkeiten geben. Der Herr hat sicher einen harten Tag hinter sich, wenn er Urbanyl braucht. Kein Wunder, dass er ein wenig zerzaust wirkt.» Claudia greift nach den Medikamenten und tritt hinter den Gestellen hervor. Und erstarrt. Wo ist der seltsame Mann hin? Sie blickt nach links und rechts, hinter die Ausstellung, und hätte fast die Absperrung des Tresens gehoben, als plötzlich ...
«Haben Sie vielleicht noch etwas gegen Erkältung? Meine Nase tut vor lauter Rotzen schon weh.» Claudia entfährt ein leiser Schrei, und sie stösst gegen einen Stapel Schmerzmittel. Aspirinpackungen in allen erdenklichen Variationen rollen und rutschen über den Boden. Der Mann neigt den Kopf ein wenig zur Seite, und ein dünnes Lächeln spaltet seine Lippen. Der Effekt wäre sicher dramatischer gewesen, hätte ihn in diesem Moment nicht eine weitere Hustenattacke erwischt. «Entschuldigen Sie. Aber die Glaskuppel hat mich einfach fasziniert,» würgt er mit dem letzten bisschen Luft aus seinen Lungen heraus. Kreidebleich grabscht Claudia nach der erst besten Packung Pretuval-C und übergibt die Medikamente mit zittrigen Händen dem seltsamen kleinen Mann. «Das macht ...?» – «Nichts! Das übernimmt die Krankenkasse! Alles gute!» stottert Claudia als Antwort. Der Mann neigt seinen Kopf wieder etwas zur Seite und kneift seine Augen ein wenig zusammen. Dann richtet er sich gerade auf, verpackt die Packungen in seiner Umhängetasche, schliesst den schäbigen Mantel und verabschiedet sich mit einem röchelnden «Danke, und einen schönen Abend wünsche ich noch.» Dann ist er weg.
Der Nieselregen hat etwas nachgelassen. Claudia S., Apothekar-Gehilfin aus Töngen am Zürichsee, inhaliert tief von ihrer Mentol-Zigarette. «Wirklich ein Scheissjob,» denkt sie sich. «Aber wenigstens trifft man interessante Menschen.»
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