Von einem Autor, der auszog, als Texter zu arbeiten.

Von Lektorat, Textredaktion und Schweinefleisch.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Gibt es einen Unterschied zwischen Lektorat und dem, was sich gerne „Textredaktion“ nennt? Die Antwort ist ja, aber auch nein. Das Lektorat redigiert, aber die Textredaktion lektoriert nicht. Oder nicht immer.

Aber Lektorat ist doch Redaktion!

Korrekt. Ein Redakteur lektoriert Texte: Er passt vorliegendes Material, oft von Journalisten oder P.R.-Textern, an die Gepflogenheiten und Anforderungen eines Mediums an. Oder verschwurbelt den Hirnabfall der Autoren gemäß der Zielrichtung eines Herausgebers. So wie der Chefkoch die Idee des Küchenjungen, Mango mit Schweinefilet zu kombinieren, überarbeitet, damit es zur Speisekarte des spezifischen Restaurants passt. Vielleicht, weil man in einem Halal-Lokal arbeitet und Schwein nicht serviert werden darf. Also adaptiert man das Rezept für Rind oder Lamm.

Oder den Broschürentext für Twitter und die Firmenwebsite.

Der Lektor jedoch: Er erarbeitet mit dem Autor zusammen das bestmögliche Produkt fürs angezielte Medium. Der Küchenjunge bekommt nicht ob seines religiösen Unwissens die Kelle um die Ohren geschlagen, sondern erklärt: Hier fehlt Salz. Schwein ist ein guter Ansatz, aber: Es fehlt Salz! Und überhaupt, Mango zu Schwein? Das beißt sich sowohl mit der Vorspeise als auch dem Sorbet am Ende des Menüs. Würde hier Geflügel nicht besser zum Hauptgang passen? Unsere Kunden mögen eh lieber Champagner und Weißwein, dann können wir uns den Bordeaux im Keller sparen.

Lektoren wird oft ein höheres Ziel angedichtet: Es gehe um Literatur, um Das Einzig Richtige, in Großbuchstaben. Das, was korrekt, nachvollziehbar und angemessen ist. Der Redakteur jedoch arbeite rein auf den Markt hin: Halal schließt Schweinefleisch aus, Punkt. Um den Rotwein kümmert er sich nicht weiters, das Schwein ist sein Problem. Kurzsichtiger Junge, dieser Redakteur!

Tatsächlich jedoch sind die Grenzen unscharf – der Lektor arbeitet für einen Verlag, also ein Unternehmen. Zumindest jedoch in der Hoffnung, dass der überarbeitete Text seinen gewerblichen Abnehmer finden wird. In Stil, Tonalität, Inhalt und Form muss es passen. Rotwein zu Hühnchen ist auch hier grenzwertig. Im übertragenen Sinne: Die Story passt zum Feminismus-Verlag, mach einfach aus dem Protagonisten eine Frau. Während der Redakteur dafür zu sorgen hat, dass eine Agenturmeldung oder ein Credo nicht der restlichen Firmenkommunikation widerspricht. Oder nicht das Konzept einer Zeitung, eines Magazins oder einer Anthologie ad absurdum führt.

Also gibt es keinen Unterschied zwischen Lektoren und Redakteuren?

Doch, einen Unterschied gibt es: Der Lektor gilt als Schöngeist, der sich an Details stört. Der Redakteur als (mehr oder weniger) knallharter Marketing-Profi. Beide jedoch haben den Markt im Auge, beide erledigen faktisch dieselbe Arbeit. Aber der eine wird spätestens seit Mad Men als Zyniker wahrgenommen, der andere wird von Jungautoren zum Demigott erhoben, dem Herrn über die persönliche, berufliche und finanzielle Zukunft.

Schon lustig, wie Visitenkarten die Wahrnehmung verändern können, nicht?

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Existenzgründung Texterei – Swiss Edition.

Sonntag, 2. Januar 2011

Noch immer erreichen mich Mails und Tweets betreffend der Selbständigkeit eines freien Textarbeiters. Ich habe die Sache zwar bereits 2008 abgehandelt, allerdings mit dem Fokus auf deutsche Verhältnisse. Jetzt, zurück in der Umarmung der Confoederatio Helvetica, ist es an der Zeit, diesen Misstand zu bereinigen. Der Artikel wird recht bürokratisch, halten Sie also Bier und Zigaretten griffbereit.

Also: Wie macht man sich als Tippsler in der Schweiz selbständig?

Soll die Selbständigkeit den Kühlschrank füllen, gehört eine ehrliche Betrachtung der Umstände und Fähigkeiten an erste Stelle. Als Einzelkämpfer braucht man nicht gleich einen Business-Plan. Allerdings schadet es auch nicht, wenn man sich die Mühe macht, so ein Papier zu erarbeiten. Es muss ja nicht gleich finanzkräftige Investoren überzeugen! Diskutieren Sie insbesondere die folgenden Fragen:

  • Kann ich mich im persönlichen Gespräch als idealen Problemlöser darstellen? Weshalb?
  • Bin ich überhaupt nur schon selbstsicher genug, von Angesicht zu Angesicht mit echten, realen Menschen zu verhandeln? E-Mail zählt nicht.
  • Habe ich ausreichende Reserven, um auch mal zwei, drei Monate ohne einen einzigen Auftrag über die Runden zu kommen?
  • Bin ich mir sicher, nach besagten drei Monaten bei Wasser und Brot noch schöpferische Energie in mir zu tragen? Mehr als genug Energie, den zufällig reingeflatterten Großauftrag zu stemmen?
  • Was halten Partner, Kinder und Miezekatze von der Idee, dass ich gegebenenfalls tagelang nicht ansprechbar bin und erst nach Mitternacht ins Bett falle?
  • Habe ich ein Problem damit, die nächsten drei, vier Jahre keine freien Wochenenden und keinen Urlaub zu haben? Also, sofern es läuft, ansonsten erübrigt sich die Diskussion sowieso.
  • A propos „laufen“ — wie sieht die Konkurrenzsituation aus? Gibt es überhaupt einen (über-)regionalen Markt für meine Arbeit?

Hegen Sie bereits nach diesen sieben Fragen Zweifel an der Durchführbarkeit Ihres Unterfangens, legen Sie Ihren Stift beiseite und besuchen Sie ein Job-Portal. Agenturleben wäre hier der bessere Schritt in den Beruf. Aber bleiben wir mal positiv, ja? War ja gerade erst Weihnachten.

Wie geht es dann weiter?

Ganz wichtig ist die Anmeldung bei der AHV/IV. Das hat vornehmlich zwei Gründe:

  1. Man will im Alter echt keine Beitragslücken haben. Oder sich und seinen Kunden nachträglich Probleme mit nicht-beglichenen AHV-Beiträgen einbrocken.
  2. Die Bestätigung der Selbständigkeit durch die kantonale AHV/IV-Stelle ist der Schlüssel für so ziemlich alles, was büromäßig noch auf Sie zukommen wird.

Mit dem Wisch der Sozialversicherungsanstalt wird die Steuererklärung einfacher, man bekommt schneller ein Geschäftskonto (falls man eines möchte) und fürs Ego ist’s auch gut. Selbständig! Woohoo! Wurde auch Zeit!

Um besagten Fötzel zu bekommen muss man ein vierseitiges Formular ausfüllen und Material beilegen. 2010 reichten bei mir eine Publikations- und Kundenliste sowie Visitenkarten und der Entwurf für diese hübsche Website hier. Ja, Textarbeiter haben es etwas einfacher als jemand, der gerne mit Hentai-Spielfiguren handeln möchte. Man benötigt nicht einmal einen Fähigkeitsausweis, da so etwas zur Zeit in der Schweiz nicht existiert. Also weiter.

Beantwortet man die Fragen im Formular korrekt — wir erinnern uns, Honorar ist kein Lohn — dauert es eine Woche und der Wisch ist da. Dicht gefolgt von der ersten Quartalsrechnung der AHV/IV.

Die Kosten halten sich im Rahmen, aber 540 Franken im Jahr muss man als Minimum einkalkulieren. Interessant wird es in den Folgejahren: Der AHV-Satz berechnet sich aus der letzten Steuererklärung. Ein Beispiel.

Macht man sich selbständig und schätzt seinen Umsatz auf unter 20 000 Franken ein, zahlt man den Mindestsatz fürs laufende Jahr. Jetzt tippselt man im zweiten Jahr für 70 000 Franken, zahlt aber immer noch den Mindestsatz. Im dritten Jahr bricht der Markt weg und man landet bei CHF 10 000 — darf aber aufgrund der siebzigtausend vom zweiten Jahr massiv höhere AHV/IV-Beiträge im dritten löhnen, obwohl man im Schnitt unter 1000 Franken im Monat verdient.

Das tut weh. Hat schon viele Jungunternehmende (Gender!) in den Konkurs gezwungen. Entsprechend nochmals der Hinweis auf die oben angeführten Reserven. Keine Rücklagen zu bilden ist in der kreativen Selbständigkeit grenzdebil. Vergessen Sie nicht, dass in obigem Beispiel auch die Steuerverwaltung mehr Geld von Ihnen sehen möchte. Sowohl Steueramt als auch Sozialversicherung zeigen sich glücklicherweise kulant, was das Abstottern der Forderungen angeht. Immerhin.

Du meintest vorhin, die Steuererklärung wird einfacher?

Das war ein wenig übertrieben. Aber das Steueramt macht in der Regel weniger Terror was Berufsauslagen angeht, wenn die Selbständigkeit belegt ist: Alles unter etwa 1000 Franken pro Position wird praktisch durchgewunken, größere Beträge sollte man wenn möglich als laufende Kosten oder Investition deklarieren. Das gilt natürlich nur, wenn Sie auch genug Umsatz erzielen. Wer im ersten Jahr 6 000 Franken angibt aber drei Computer als „Spesen“ abziehen möchte wird auf Granit beißen.

Gesunder Menschenverstand und eine Steuerberatung helfen hier. Letztere kann man im Folgejahr in der Steuererklärung geltend machen (hier hilft wieder die Bestätigung der AHV), mit ersterem ist man hoffentlich reichlich gesegnet. Sonst lässt man besser die Finger von der Selbständigkeit. Es gibt genug Heißlufttransporteure, die auf ihren Visitenkarten „Kommunikationsberater“ stehen haben. Noch einen mehr braucht die Schweiz nun wirklich nicht.

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Agenturen und Freelancer, oder die Sache mit dem Material, Teil 2.

Freitag, 21. Mai 2010

Oft wird man als Texter auch von Agenturen angegangen, die ein Projekt nicht allein stemmen können. Das ist nicht weiters schlimm, immerhin verkauft sich ein Haufen Textarbeiter als „Kommunikationsexperten“. Nicht schlimm, so lange der Kunde vernünftiges Ausgangsmaterial liefert oder kreative Höhenflüge nicht gleich per se verbietet. Weil sonst die P.R.-Verantwortliche in den Hungerstreik tritt oder die Rechtsabteilung bittere Tränen weint und einen Haufen potentieller Raubmordkopierer vor den Kadi zerren muss, um die Firma im Auge der Öffentlichkeit vorteilhaft zu positionieren.

Wie bereits in der allerersten Kolumne besprochen stellt sich immer die Frage nach dem Material. In meinem heutigen Beitrag erweitert sich die Perspektive um den Faktor „Agentur“: Diese nimmt dem Kreativen Kommunikationskram ab, der Schreiberling gibt einen Rabatt, und alle sind glücklich. Aber z’Füüferli und zWäggli sind im Freelancer-Umfeld nur mit masochistischen Tendenzen seitens der Texterin, mit ruchlosen Kunden oder einer hirnamputierten Zuschauerschaft möglich.

Hirnamputiert? Geht’s noch???

Tschuldigung. Ich habe mich zu dem Thema (sogar auf Englisch!) ausgekotzt, hier will ich ein wenig nüchterner bleiben. Oder mahnender, Zeigefinger-hochhaltender. Denn es ist klar: Entweder, Agentur und Kundin vertrauen den Kreativen und lassen sie das machen, wofür man sie umworben hat. Oder der Kunde liefert selbst interessante Inhalte, die aufgewertet werden sollen. Aber in keinem Fall sollte man vom Rand des Fußballfeldes mit vergifteten Pfeilen auf die Spieler schießen. Das mag oft in der Agenturisten-Natur liegen und auf Außenstehende recht drollig wirken, aber damit verärgert man die freien Mitarbeiter und zeigt sich als planlosen Zombie der Gewinnmaximierung. Während sich das nicht-lobotomisierte Publikum fragt, was die bereits x-Mal gesehenen Inhalte bewirken sollen.

Für freischaffende Texter stellt sich hier zuerst die [Honorarfrage][3]. Wenn man mit Agenturen statt Endkunden zu tun hat, reduziert man seinen Stundensatz. Logisch. Besagte Agentur hat den Kunden aufgetan und kümmert sich auch um ihn; der „freie Mitarbeiter“ kann einfach seine Aufgaben abarbeiten, ohne mit dem Kunden diskutieren zu müssen. Er ist ja Mitarbeiter, nicht Entscheidungsträger. Und verdient entsprechend weniger. Für die Koordination gibt es die Projektleitung durch die Agentur, der man dafür als Texterin einen Abschlag aufs eigene Honorar gewährt hat.

Nur leider sehen das einige Auftraggeber etwas verschwommen. Und der Freischaffende fragt sich: Für den Stress verzichte ich auf einen gehörigen Teil meines Stundensatzes? Ich soll dasselbe machen, wie wenn ich dem Kunden selbst offeriert hätte, aber für die Hälfte meines Mindesthonorars? (weiterlesen …)