Von einem Autor, der auszog, als Texter zu arbeiten.

Von Chancen, Prosecco und unnötigen Panikreaktionen.

Samstag, 5. November 2011

Irgendwann, hoffentlich nicht erst kurz vor der Insolvenz, eröffnet sich Schreiberlingenden aller Gattungen die Chance. Vielleicht meldet ein großes Unternehmen Interesse an der gebotenen Dienstleistung an, eventuell möchte ein Sachbuchverlag einen Testballon im eBook-Bereich steigen lassen. Oder ein Journal, eine Wochenzeitung, ein Magazin hat erfahren, dass man sich in einem Thema besonders gut auskennt und hätte jetzt gerne einen Artikel. Allen diesen Szenarien gemeinsam ist: Es geht nur auf den ersten Blick um eine einmalige Geschichte. Und auch nicht im übertragenen Sinne, aber ich schweife ab. Nein, in all diesen Fällen steht die langherbeigesehnte längerfristige Zusammenarbeit winkend am Horizont.

Wie es sich für eher introvertierte Textarbeiter gehört reagiert man hoffentlich angemessen darauf: Mit Panik.

Weshalb sollte ich panisch auf eine solche Chance reagieren?

Von Sollen ist hier nicht die Rede. Aber sowohl Neulinge als auch alte Hasen werden nach dem ersten Freudentaumel, spätestens bei der zweiten Flasche Prosecco, ins Grübeln kommen. Schaffe ich das? Was, wenn ich das globale Unternehmen / den europaweit gerühmten Verlag / die Wochenzeitschrift der Nation enttäusche? Die Bandbreite der möglichen Reaktionen reicht von Schulterzucken über Respekt vor der Aufgabe bis zum ängstlichen Griff zur dritten Flasche.

Es dürfte Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen in solchen Situationen eher que sera, sera nahelege als den einen oder anderen Panikanfall. Diese mögen für Außenstehende drollig anzusehen sein, sich selbst tut man aber damit keinen Gefallen. Wer eine solche Situation über alle Maßen mit Bedeutung auflädt, zum Schlüsselmoment seiner gesamten Karriere – ja der weiteren Lebensplanung – macht, der handelt unklug.

Seien wir ehrlich: Selbst wenn es sich um die Chance handelt sind Sie irgendwie an den Punkt gekommen, dass sich diese Chance überhaupt erst bietet. Sie haben entweder mit viel Blut, Schweiß und Tränen daraufhin gearbeitet und beherrschen Ihr Metier. Oder Sie haben sich als äußerst erfolgreich im Bullshitting Selbstmarketing bewiesen und könnten entsprechend drohendes Totalversagen relativieren und zu einem Teilerfolg umdeuteln.

So oder so gilt: Von nichts kommt nichts. Selbst wenn Glück eine bedeutende Rolle bei der Chance gespielt haben mag, ohne dieses Nicht-nichts wäre es verpufft. Glück ohne Grundlage führt höchstens zu bankrotten Lottomillionären; im kulturell-journalistischen Umfeld ist es von geringer Bedeutung.

Also Kopf hoch! Es ist berechtigt, dass sich das globale Unternehmen / der europaweit gerühmte Verlag / die Wochenzeitschrift der Nation bei Ihnen gemeldet hat. Atmen Sie durch, spitzen Sie den Bleistift, geben Sie Ihr Bestes.

Das Schlüsselwort im letzten Absatz ist „Ihr Bestes“ – das, was Sie bisher geleistet haben, brachte Sie in diese Situation. Sich jetzt aus Furcht vor dem Scheitern anzubiedern ist nicht nur kontraproduktiv sondern zutiefst unlogisch.

In diesem Sinne: Auf gutes Gelingen und viele weitere Proseccoflaschen! Diese jedoch lieber einzeln als in angstgeschwängerten Rudeln, ja?

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Wie man schlechte P.R. schreibt.

Samstag, 21. Mai 2011

Öffentlichkeitsarbeit, oder etwas moderner Public Relations, gehört zu jedem Unternehmen. Und ist eine der Haupteinnahmequellen freier Textredakteure. Aber Sie möchten die miesest-mögliche P.R. (dreifachgemoppelt) für Ihre Auftraggeber leisten? Kein Problem, ich habe Ihnen eine handliche Liste zusammengestellt. Damit geht garantiert nichts schief. Oder es kommt garantiert nichts gut, je nach Betrachtungswinkel.

Die sieben Regeln lauten:

  1. Verwenden Sie möglichst viele Fachausdrücke, gerne auch solche, die Sie selbst erfunden haben. Sie wollen immerhin Menschen vom Fach ansprechen, und nicht deren Entscheidungsträger Vorgesetzten.
  2. Auch wenn Sie in einem multinationalen, mehrsprachigen Unternehmen arbeiten: Überlassen Sie die Übersetzung Ihrer Medienmeldung den Spezialisten der Regionalzeitungen, die den Text übernehmen wollen. Besonders, wenn Sie oft von 1. Gebrauch machen oder eine gewisse sprachkünstlerische Ader ausleben möchten.
  3. Lassen Sie sich Zeit, im Fall der Fälle eine geschliffene P.R.-Meldung zu verteilen. Die Nutzerdaten ihrer 300 000 Abonnenten sind sowieso schon weg, eine Stellungnahme muss alle Eventualitäten abdecken. Und das dauert eben; die anderen 500 000 Abonnenten werden die ein, zwei Wochen Bedenkzeit sehr schätzen.
  4. Zögern Sie nicht, die Marketing-Abteilung beratend hinzu zu ziehen. Diese hat ein besseres Verständnis der Unternehmenskommunikation als Sie als P.R.-Fachperson. Immerhin hat das Marketing ein höheres Budget, das heißt schon etwas!
  5. Ebenso läuft die Endabnahme am Besten über die Marketing-Abteilung. Die Chefin hat Wichtigeres zu tun, als sich vor der morgigen Aktionärsversammlung mit dem vorzulegenden Strategie-Papier auseinanderzusetzen und vielleicht gar Korrekturen einzubringen.
  6. Vergessen Sie nicht, auf Ihrem anonymisierten Twitter-Kanal Gegendarstellungen zu veröffentlichen oder über Ihren – ebenfalls anonymisierten – Auftraggeber zu lästern. Privat ist privat, und Sie werden immerhin nur während der Bürozeiten bezahlt, oder?
  7. Der wichtigste Punkt zuletzt: Investieren Sie so viele Ressourcen wie möglich in Kommentare auf Zeitungs-Websites, Blogs, Facebook und in Foren, um Ihr Unternehmen respektive Ihren Auftraggeber besser darzustellen. Billigere P.R. geht nicht! Und das fällt mit kreativen Nutzernamen auch gar nicht auf!

Wenn Sie diese sieben eisernen Regeln bereits befolgen, dann Gratulation: Sie haben Weiterbildung oder gar den Master-Studiengang in Public Relations nicht nötig. Sie sind schon jetzt Blubberkönig™ und wissen genau, was Sie tun. Und weshalb Sie es tun. Hut ab! Eine ganze Branche schaut zu Ihnen auf!

Welche Branche, die der Texter oder die der Personalvermittler, lasse ich jedoch offen.

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GTD: Getting Text Done, oder auch nicht.

Dienstag, 22. März 2011

David Allens Konzept von „Getting things done“ klingt einleuchtend. In Kurz: Sie haben einen Haufen Mist, der geführt werden muss. Unterteilen Sie den Mist in kleine, mistgabelgroße Haufen. Ignorieren Sie den Mist, den Sie jetzt nicht führen können. Dann wird das schon. So wie Herakles im Augias-Stall: Baby-Steps!

Aber funktioniert dieser Ansatz im Texter-Umfeld? Ich sage: Nein. Mit der Überzeugung von jemandem, der seine alten Anzüge aus Vernunft lieber ändern lässt statt neu zu kaufen. Und aus einem gewissen Missfallen, meine Kunden und deren Projekte mit Misthaufen gleichzustellen.

Du irrst! Natürlich ist GTD Die Wahrheit™, das gilt auch für Texter!

Das Problem, das wir freischaffenden Texter haben, ist schnell beschrieben: Material und die Geschwindigkeit der aktuellen Kommunikationsformen verunmöglichen eine selbstzentrierte Arbeitsweise.

Über diesen Punkt habe ich schon ein paar Mal gebloggt. Er kann geschäftsentscheidend sein, gar existenzbestimmend. Allens Häppchen-Ansatz ist für Textarbeiter abseits der Eigenorganisation nicht besonders praktikabel. Das hat einen einfachen Grund, den ich, etwas polemisch, so formulieren möchte:

Schön, ich bin toll organisiert. Den Kunden interessiert das zwar nicht sonderlich, wenn er in 48 Stunden etwas online haben will, aber egal. Ich müsste als Profi eigentlich auch auf Gutdünken texten können; in der Hoffnung, dass das schon akzeptiert wird, oder ohne großen Aufwand angepasst werden kann. Aber meine Abläufe sind mir wichtiger. Egal, dass das Zeugs kurzfristig in der Werbepause zu den Größten Schweizer Talenten landen soll. Oder als ganzseitige Anzeige in der NZZ: Ich habe meine Abläufe, da darf ich nicht von abrücken, denn diese Abläufe sind richtig!

GTD steht hier stellvertretend für alle möglichem (Selbst-)Management-Theorien. Meistens pragmatische Methoden, um seine Arbeitsweise auch als Texter auf die Reihe zu bekommen. Aber nicht, um Projekte und Kunden zu pflegen. Organisatorisch kann man lediglich darauf hoffen, dass der Kunde alles Material anliefert und einem genug Zeit und Muße gibt, Hirnsubstanz in Text zu wandeln. Das lässt sich nicht in ein starres Konzept wie eben GTD zwängen.

Textarbeiter werden in verschiedenen Ländern, auch Deutschland, von den Ämtern nicht umsonst steuertechnisch auf eine Stufe mit bildenden Künstlern gestellt. Die Leute, die aus einem Haufen Eis die Venus von Milo kettensägen oder mit Einsatz ihrer Körpersäfte die Gesellschaft, im wahrsten Sinne des Wortes, auf die Leinwand spritzen. Der geile Einfall, der aus einer Lala-Kampagne so etwas wie die aktuelle Hornbach-Werbung macht, kommt nicht auf Rezept. Der Einfall wird kommen, logisch. Sonst wären wir nach spätestens sechs Monaten Selbständigkeit beim Sozialamt vorstellig geworden.

Aber zu erwarten, dass besagter Einfall das gemäß abstrakter Abläufe machen wird – respektive durchs Ausblenden der kommunikativen und planerischen Realität ermöglicht wird, ist … fragwürdig.

GTD und andere Organisationskonzepte können toll sein. Hey, ich setze selbst auf einen Bastard aus GTD und gesundem Menschenverstand. Aber wenn es um Kreativität geht – Kreativität, die gefordert und bezahlt wird – ist mehr Flexibilität gefragt. Versteifen Sie sich nicht, nur weil es fürs Administrative gut funktioniert. Ihre Kunden wollen mehr. Viel mehr. Und Sie wollen sicher nicht noch mehr Geld in Selbsthilfebüchern und -Kursen versenken, oder?

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